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Volkswirt Hüfner: "Der derzeitige Leitzins passt nicht zum realen Wachstum"   Facebook be



12.11.2010
 
EZB-Politik insgesamt zu expansiv? - Konjunkturelle Diskrepanzen zwischen Mitgliedsstaaten wachsen

Martin Hüfner, volkswirtschaftlicher Berater der österreichischen Vermögensanlagebank direktanlage.at, sieht wachsende Ungleichgewichte in der deutschen Wirtschaft, begründet in der aktuellen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Aus der Warte der Deutschen sei diese falsch, weil zu expansiv.

"Ein Leitzins von 1 Prozent passt nicht zu einem realen Wirtschaftswachstum von 3,5 Prozent und einer Inflation von einem Prozent", sagt Hüfner. Dass sich die EZB aber ohnehin "nicht um die Bedenken der Deutschen zu kümmern brauche, weil sie für den gesamten Euroraum zuständig ist", sei nur zum Teil ein richtiges Argument.

"Erstens ist die Politik der EZB auch für den gesamten Euroraum vergleichsweise expansiv", meint der Volkswirt. "Der derzeitige Leitzins passt auch nicht zu einem realen Wachstum von 1,5 Prozent und zu einer Preissteigerung von 1,5 Prozent in der Währungsunion. Das Ungleichgewicht ist nur nicht so groß. Wie man hört, sind selbst die Vertreter der so genannten Peripherie-Staaten im EZB-Rat inzwischen nicht mehr gegen einen Exit aus der ultralockeren Geldpolitik."

"Erhebliche Verwerfungen in einzelnen Regionen"

Und zweitens - noch wichtiger - könnten zu niedrige Zinsen in einzelnen Regionen der Währungsunion zu erheblichen Verwerfungen führen, erklärt Hüfner. "Das war in der kurzen Geschichte der EWU schon einmal der Fall. Bei der Einführung des Euro waren die Zinsen für Italien, Spanien und Portugal - später auch für Griechenland - zu weit unten. Diese Länder hatten vor dem Euro langfristige Zinsen von 10 Prozent und mehr. Mit Einführung der gemeinsamen Währung sanken sie auf 6 Prozent und weniger. Die Folge war ein gewaltiger Boom in diesen Ländern. An den Immobilienmärkten kam es vor allem in Spanien zu einer Blase. Leistungsbilanzen rutschten ins Defizit. Das legte den Grundstein für die spätere Eurokrise, die den Euroraum noch heute belastet."

Die konjunkturellen Diskrepanzen zwischen den einzelnen Mitgliedern sind in den letzten zehn Jahren nicht kleiner, sondern größer geworden. Hüfner: "In den 80er und 90er Jahren lag der Abstand zwischen der höchsten und der niedrigsten Wachstumsrate bei den vier Großen der Gemeinschaft - Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien - im Schnitt bei 1,9 Prozentpunkten. Seit Einführung des Euro sind es 2,4 Prozentpunkte, in 2010 sogar 3,6. Dabei spielt freilich auch die Schuldenkrise in Südeuropa eine Rolle."

Anleger: Inflation kurzfristig für Aktienmärkte nicht schlecht

Hier liege der Knackpunkt für die Probleme der Geldpolitik in der Währungsunion, sagt Hüfner: "Solange es nicht gelingt, die konjunkturellen Diskrepanzen zu verringern und die nationalen Konjunkturen aneinander anzunähern, wird es immer Ungleichgewichte und Verwerfungen geben. Es ist daher auch zur Verbesserung der Funktionsfähigkeit der Europäischen Notenbank dringend erforderlich, die Hemmnisse im Binnenmarkt abzubauen, die Wirtschafts- und Finanzpolitik stärker aufeinander abzustimmen und ganz generell den Nationalismus in der Politik zurückzudrängen."

Was heißt das für Anleger? "Kurzfristig ist die erste Phase einer Inflation, wie wir sie jetzt in Deutschland erleben werden, für die Aktienmärkte nicht schlecht", erklärt der direktanlage.at-Berater. "Die Unternehmensgewinne gehen den steigenden Kosten voraus. Auf den Bondmärkten ergeben sich noch keine negativen Auswirkungen, weil die deutschen Rentenmärkte in die Gemeinschaft eingebunden sind und die Preissteigerungen im Euroraum geringer sind. Längerfristig leiden – wie wir an der jetzigen Eurokrise sehen – aber auch die Kapitalmärkte."


 
 

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