Als die Schweiz vergangenes Jahr auf Druck aus dem Ausland ihr Bankgeheimnis lockern musste, sprachen schweizerische Privatbankenvertreter von einer Katastrophe für die Branche und das Land. Experten erklärten das Geschäft mit reichen Ausländern, das gemäß Boston Consulting Group über zwei Bill. Franken (1.490 Mrd. Euro) ausmacht, für tot. Aber wer sich die jüngst veröffentlichten Abschlüsse der börsengehandelten Vermögensverwalter ansieht, reibt sich die Augen: Von Tod oder auch nur Kränklichkeit keine Spur. Die im zweiten Halbjahr 2009 teilweise zu einem Rinnsal verkümmerten Geldzuflüsse sprudeln wieder. Überraschend schnell haben die Schweizer Privatbanken das Vertrauen der reichen Europäer zurückgewonnen - und eben auch ihr Geld. Schützenhilfe bekamen die Banken dabei von den Problemen in der Eurozone. Die Angst vor weiteren Wertverlusten des Euro oder gar einem Auseinanderbrechen der Währungsunion, ausgelöst von der Griechenland-Krise, trieb zahlreiche Vermögende in die Banken der Züricher Bahnhofstrasse. Auch der Franken gewann massiv an Wert. "Die Schweiz profitierte in der Eurokrise von ihrem Status als sicherer Hafen", erklärte Sarasin-Chef Joachim Strähle kürzlich. Seine Berater an den Schweizer Standorten holten im ersten Halbjahr 2010 dreimal mehr Neugeld herein als in der Vorjahresperiode. Auch Vontobel-Chef Herbert Scheidt verweist auf die längerfristigen wirtschaftlichen Vorteile der Eidgenossenschaft. "Der Sicherheitsaspekt hat bei der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung an Bedeutung gewonnen". Vor allem deutsche Kunden haben Geld gebracht, beobachtet Andreas Homberger, Chief Investment Officer der Privatbank Maerki Baumann. Am stärksten fielen die Zuflüsse bei EFG International mit 16 Prozent aus, am verhaltensten bei Julius Bär mit auf das Jahr hochgerechneten 4,3 Prozent. Dazwischen liegen die Traditionshäuser Vontobel und Sarasin.
Die prozentual stärksten Wachstumsraten erzielen die Banken in Schwellenländern, wo der Reichtum ständig zunimmt. Aber auch die für die Schweizer Banken immer noch bedeutenderen europäischen Millionäre trugen mehr Geld in die Alpenrepublik. Dabei sind es kaum noch Steuerflüchtlinge, die mit dickgefüllten Koffern in die Schweiz kommen - dem Schwarzgeld haben die meisten Banken abgeschworen. "Jede Bank vermeidet heutzutage aus regulatorischen und rechtlichen Gründen die Annahme von Geldern mit zweifelhafter Herkunft", erklärt Rainer Skierka, Analyst bei Sarasin. "Das Risiko, kriminalisiert zu werden, ist enorm, dieses Risiko will keiner eingehen." Vielmehr verweisen die Schweizer gerne auf die Qualität ihrer Dienstleistungen, die anderen Ländern überlegen sei. Da die europäische Vermögen aber kaum wachsen und zwischen den Banken ein Verdrängungskampf herrscht, muss es auch Verlierer geben. Obwohl etwa zu den meisten deutschen Privatbanken keine Zahlen vorliegen, vermuten Experten, dass es unter diesen zu Abflüssen gekommen sein könnte. "Der Zufluss bei den Schweizer Banken könnte durchaus zum Nachteil der Banken in den Heimmärkten der Kunden sein", erklärt Skierka.
Aber auch für die Schweizer Institute gibt es einen Wermutstropfen: Ehrliche Kunden haben bei den Verhandlungen über die Konditionen für ihr Depot einen wesentlich besseren Stand als jene, die bei jedem Wechsel einer Bank befürchten müssen, ertappt zu werden. Deswegen sinken seit Ende 2008 die Gewinnmargen der Schweizer Vermögensverwalter. Trotzdem ist das Geschäft noch immer hochprofitabel. Das Resümee eines Bankers zu der Entwicklung der Schweizer Bankenbranche vergangenen Jahre lautet daher: "Mit einem blauen Auge davon gekommen." (Reuters)









