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Rohstoffhandel - Diktieren Spekulanten die Lebensmittelpreise?   Facebook be



10.08.2010
 
Seit Jahrhunderten

Spekulanten treiben die Weizenpreise in unbezahlbare Höhen, lösen Hungersnöte und soziale Unruhen aus - dieses Schreckgespenst geistert wieder herum. Doch langfristig könnten Spekulationen die Preise von Lebensmitteln sogar senken.

Ob Weizen, Orangensaft oder Rohöl: Die Rohstoff-Märkte sind heute global. Die Preise werden vor allem von Angebot und Nachfrage bestimmt. Bricht in Russland eine Dürre aus, lässt dies wie jüngst geschehen die Weizenpreise steigen. Und leiden die Orangenbäume in Florida unter Pilzbefall, wird der Orangensaft teurer.

Was passiert nun, wenn in Chicago, London oder in Asien mit Rohstoffen gehandelt wird? Im Mittelpunkt stehen dabei meist Termingeschäfte. Das sind Versprechen, Waren zu einem späteren Zeitpunkt zu einem heute bereits festgelegten Preis zu kaufen.

Beispiel Lufthansa: Die AUA-Muttergesellschaft kauft meist für bis zu zwei Jahre im Voraus über Optionen für Milliarden Euro Rohöl, um nicht von plötzlichen Preissteigerungen überrascht zu werden. Dabei geht es ihr nicht um spekulative Gewinne bei steigenden Preisen, es ist vielmehr eine Versicherung gegen Preiserhöhungen, die die Kosten massiv steigen lassen könnten.

Auf der Gegenseite könnten im Idealfall zum Beispiel Erdölfirmen stehen, die sich vor einem plötzlichen Preisverfall schützen wollen. Milliardenschwere Investitionen in neue Bohranlagen rechnen sich nur, wenn der Ölpreis in einigen Jahren ein bestimmtes Niveau hat. Mit dem frühzeitigen Verkauf zum festgelegten Preis kann sich hier der Erdölproduzent gegen einen Preisrutsch absichern.

Doch nicht immer ist die Nachfrage nach einer Versicherung gegen steigende Preise so gross wie die Nachfrage nach einer Versicherung gegen sinkende Preise.

Hier kommen nun die Spekulanten ins Spiel: Sie gehen zum Beispiel das Risiko sinkender Preise ein und kaufen im Voraus Waren, die sie später eigentlich gar nicht haben wollen. Im Gegenzug kassieren sie eine Risikoprämie, indem sie die Waren unter dem erwarteten künftigen Verkaufspreis kaufen.

Die Ursprünge dieser Termingeschäfte sind schon Jahrhunderte alt. Früher versuchten sich vor allem Bauern mit dem frühzeitigen Verkauf ihres Getreides gegen plötzliche Preiseinbrüche abzusichern.

Dabei ging es vor allem den Produzenten um eine Absicherung gegen einen Verfall der Preise, während Konsumenten sich kaum gegen steigende Preise schützten, wie schon der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883-1949) beschrieb.

Der Keynes-Theorie nach dürften diese Spekulationsgeschäfte allerdings die Preise von Agrarrohstoffen nicht in die Höhe treiben, sondern könnten sie eher senken. Denn das Angebot wird hier nicht künstlich verknappt.

So betont etwa der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman immer wieder, Termingeschäfte hätten keinerlei direkte Auswirkungen auf die Preise von Gütern.

Indirekte Folgen können die Börsengeschäfte trotzdem haben: Erstens erhält ein Bauer zusätzliche Anreize zur Ausweitung seiner Produktion, wenn er den Verkaufspreis für seine Waren schon frühzeitig absichern kann. Denn dann sind für ihn die Kosten besser kalkulierbar, das Risiko kann er an den Spekulanten abgeben. Da dann das Angebot steigt, sinken tendenziell die Preise.

Zweitens könnten Waren bei erwarteten Preissteigerungen physisch gehortet werden - und so dem Markt vorübergehend entzogen werden. Beispiele sind Hedgefonds, die ganze Öltanker in der Hoffnung auf steigende Preise vor der Küste parken oder auch Bauern, die ihre Produkte länger als üblich im Getreidespeicher lassen.

Dieses verringerte Angebot kann dann zu höheren Preisen führen - aber auch nur solange, wie die Lager immer weiter gefüllt werden. Mittelfristig werden diese Vorräte in der Regel doch noch an den Markt gebracht - und drücken dann auf den Preis.

Strittig sind die Folgen, wenn die Spekulation auf steigende oder sinkende Preise Dimensionen annimmt, die ein Vielfaches des realen Volumens der Waren entsprechen.

Dann könnten sich zumindest die Termin-Preise vorübergehend weit von den sogenannten fairen Werten entfernen - Preisschwankungen können dann kurzfristig zunehmen und von der Psychologie der Märkte statt den realen Entwicklungen von Angebot und Nachfrage abhängen.

So klagte der US-Finanztheoretiker William J. Bernstein schon 2006, dass am Rohstoffmarkt in New York inzwischen vor allem grosse Investmentfonds agierten - und nicht die Produzenten oder die Abnehmer. (APA)


 
 

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