Erstmals seit einem halben Jahrhundert sinken in den USA die Renditen der Staatsanleihen während einer Phase wirtschaftlicher Expansion. Das Finanzministerium kann zweijährige Staatspapiere zu den niedrigsten Zinsen aller Zeiten am Markt unterbringen und die Rendite der zehnjährigen Treasuries liegt gerade mal bei drei Prozent. Dies, zusammen mit einem rekordhohen Haushaltsdefizit von wahrscheinlich über 1,4 Billionen Dollar, signalisiert, dass sich der Bondmarkt weniger über die Staatsausgaben sorgt als darüber, die Konjunktur wieder in Schwung zu bringen. “Die USA haben mehr Zeit zur Verfügung gestellt bekommen”, sagt Anthony Crescenzi, Portfoliomanager und Stratege bei der Anleihefondsgesellschaft Pacific Investment Management Co. in Newport Beach, Kalifornien. “Wegen der Besorgnis über Europa ist Geld in die USA geflossen. Das erlaubt den USA, ihr Spiel noch länger weiterzuspielen und den Abbau des Defizits wegzuschieben.”
Die Renditen der Staatspapiere mit einer Laufzeit von zwei Jahren sind am 23. Juli auf 0,5516 Prozent gefallen, das ist der niedrigste Wert seit die Emission dieser Papiere im Jahr 1975 begann. Grund dafür waren Anzeichen, dass die wirtschaftliche Erholung, die im dritten Quartal 2009 begann, an Fahrt verliert. Bei den zehnjährigen Treasuries sank die Rendite am 21. Juli auf ein Fünfzehn-Monats-Tief bei 2,85 Prozent, nachdem Ben S. Bernanke, der Vorsitzende der Notenbank Federal Reserve, sagte, der wirtschaftliche Ausblick sei “ungewöhnlich unsicher” und die Fed sei darauf vorbereitet, weitere Massnahmen zu ergreifen.
Während in Europa Investoren die Regierungen dazu zwangen, Sparmassnahmen zu ergreifen und die Schuldenkrise zu bewältigen, die die griechischen Renditen bis auf 18 Prozent trieb, ist in den USA die Nachfrage nach Treasuries bei den Auktionen die höchste jemals verzeichnete. Indem sie die Finanzierungskosten der USA niedrig halten, statt auf einen Abbau des Haushaltsdefizits zu drängen, geben die Investoren der Regierung von Präsident Barack Obama die Gelegenheit, zusätzliche stimulierende Massnahmen einzusetzen. Das Finanzministerium teilte im Mai mit, es habe “Flexibilität” für die Finanzierung des Haushaltsdefizits. Es soll nach Schätzungen der Regierung in diesem Haushaltsjahr bis September auf 1,47 Mrd. Dollar anwachsen. Für 2011 rechnen Bondhändler einer Umfrage zufolge mit einem Fehlbetrag von 1,18 Billionen Dollar Bei den zehnjährigen US-Bonds sind die Renditen inzwischen um bis zu acht Basispunkte auf drei Prozent gestiegen.
Über Erwarten gute Unternehmensergebnisse liessen Befürchtungen abebben, die Wirtschaft könnte zurück in eine Rezession fallen. Aber noch immer liegen die Renditen einen Prozentpunkt unter dem Jahreshoch am 5. April von vier Prozent, zeigen Daten von BGCantor Market Data. Die Investoren am US-Bondmarkt würden weitere Stimuli akzeptieren, ohne die Renditen hoch zu treiben, sofern es einen “glaubwürdigen längerfristigen Plan gebe, das Defizit abzubauen”, sagte Christopher Bury, Co-Leiter Anleihezinsen bei Jeffries & Co. in New York. “Die populistische Betrachtung ist, dass die Regierung die Bankenbrache und die Wall Street gerettet hat, aber zu einem hohen Preis”, sagt Bury. “Wenn die Regierung wieder mit Anreizen kommt, müssen sie mehr auf die breite Masse ausgerichtet sein.” “Es gibt immer noch viel Angst draussen in den Weltfinanzmärkten”, sagt Alan Blinder, früherer Vize- Vorsitzender der Fed und Volkswirtschaftsprofessor an der Princeton University in einem Telefoninterview. “Deswegen greifen Investoren überall auf der Welt zu Treasuries, auch wenn sie wenig Rendite bekommen.” Blinder empfiehlt, ebenso wie der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz und andere, höhere Staatsausgaben, um die US-Konjunktur zu stützen. US-Staatsanleihen haben den Investoren dieses Jahr einen Ertrag von 5,7 Prozent eingebracht. Das ist die beste Performance seit 1995, zeigen Indizes von Bank of America Merrill Lynch.
Angeschoben wurde die Rally von Anlegern, die angesichts einer geringen Inflation langfristig investieren wollen. Der Renditeabstand zwischen zweijährigen und zehnjährigen Treasuries verringerte sich vergangene Woche bis auf 2,42 Prozentpunkte. Im Februar lag der Abstand noch bei rekordhohen 2,94 Prozentpunkten. Die Nachfrage nach den Treasuries ist dieses Jahr um 18 Prozent auf einen Rekordwert gestiegen. Die Überzeichnung bei Auktionen lag bei 2,95 Dollar je Dollar an US-Staatsanleihen. Im Vorjahr hatten Investoren 2,50 Dollar geboten, zeigen Daten von Bloomberg. US-Finanzminister Timothy F. Geithner erklärte, die niedrigen Zinsen zeigten, der Markt wolle, dass sich die USA auf Wachstum fokussieren, statt sich wegen der kurzfristigen Ausgaben den Kopf zu zerbrechen. Schlussendlich müssten die USA ihr Defizit zügeln, sagte Geithner in einem Interview in der Charlie Rose Show am 21. Juli. Doch weil dieses Faktum so akzeptiert sei, würden die Märkte auf die USA keinen Druck in Richtung auf sofortiges Handeln ausüben, so wie bei Griechenland, Spanien und Portugal. Wenn man sich ansehe, was die USA heute an Finanzierungskosten bezahlen müssten, dann sei da “viel Vertrauen, nicht nur von Amerikanern sondern von Investoren überall auf der Welt, dass wir einen politischen Weg finden werden, es zu tun”, sagte Geithner weiter. “Es gibt keine Alternative für uns. Wir werden in der Lage sein, es zu tun.”









