Der chinesische Aktienmarkt blickt auf ein bislang äusserst turbulentes erstes Halbjahr zurück. Bis dato hat der MSCI China Index in US-Dollar 7,68% an Wert verloren und schlechter abgeschnitten als der MSCI Emerging Markets Index. Wenn man bedenkt, wie rosig die Wachstumsaussichten für China aussehen, so stellt sich die Frage nach den Gründen für diese schleppende Entwicklung. 2009 ist der MSCI China Index in US-Dollar um 58,81% gestiegen. Ausgelöst wurde die Rallye ursprünglich durch den allgemeinen Konsens, dass China aus wirtschaftlicher Sicht vergleichsweise gut aufgestellt ist und dass sich das Land als eines der ersten von der Krise erholen würde. Durch die Aufwärtskorrekturen bei den Gewinnen chinesischer Unternehmen erhielt die Rally Ende 2009 weiteren Auftrieb. Die Anleger hatten die wirtschaftliche Lage richtig eingeschätzt: 2009 hat das BIP-Wachstum sowohl das Gesamtjahresziel der Regierung von 8% als auch die Markterwartungen übertroffen. Als die Anreizprogramme der Regierung und die expansive Geldpolitik ihre Wirkung entfalteten und die Verbraucher wieder in Kauflaune versetzten, legte die Wirtschaftsaktivität nochmals kräftig zu.
Kerninflation von 2-3% unproblematisch
2010 hielt die Welle der guten Wirtschaftsnachrichten aus China an. So legte das BIP beispielsweise im ersten Quartal um 11,9% zu. Auch der Exportsektor hat sich rasant erholt: Im Mai sind die Ausfuhren im Vorjahresvergleich um 48,5% gestiegen. Doch gibt es auch einen Wermutstropfen: Mit 3,1% fiel die Verbraucherpreisinflation überraschend hoch aus und übertraf sowohl die Konsensschätzungen als auch den von der Regierung anvisierten Zielwert von 3,0%. Allerdings bereitet uns dies keine allzu grossen Kopfschmerzen. Bedingt durch den Basiseffekt der niedrigeren Preise in 2009 wird die Verbraucherpreisinflation in China unseres Erachtens auf kurze Sicht über der Marke von 3,0% verharren. Stabile Lebensmittelpreise und die jüngste Korrektur bei den Grundstoffpreisen dürften den Preisauftrieb indes mittelfristig allmählich wieder eindämmen. Meldungen zu gestiegenen Arbeitskosten verfolgen wir mit besonderer Aufmerksamkeit, gehen aber davon aus, dass es einige Zeit dauern wird, bis sich erhöhte Kosten in einer steigenden Teuerungsrate niederschlagen.
In einer Volkswirtschaft wie China - mit einem jährlichen Wirtschaftswachstum von über 10% - ist eine Kerninflationsrate von 2-3% nicht problematisch. Unter dem Strich leisteten die Konjunkturnachrichten aus China also einen positiven Beitrag, was sich von den Industrieländern leider nicht behaupten lässt. Die Sorgen um die Nachhaltigkeit der weltweiten konjunkturellen Erholung und um einen möglichen Rückfall in die Rezession sind im Jahresverlauf 2010 stärker geworden. Bedenken im Hinblick auf die Verschuldung einiger Länder der Eurozone und unlängst auch im Hinblick auf die Solidität europäischer Banken stellen die Nerven der Anleger auf eine harte Probe. Auch die USA blieben von Hiobsbotschaften nicht verschont: Hier stellten die schlechter als erwartet ausgefallenen Daten zum US- Verbrauchervertrauen die Dynamik des Aufschwungs in Frage. Da zahlreiche Anleger im chinesischen Wachstum weiterhin die Haupttriebfeder für die weltweite Erholung sehen, sorgt schon der leiseste Hinweis auf eine Verschlechterung des Ausblicks in China für Unruhe. So hat etwa die Meldung, dass der Conference Board-Frühindikator für China für den Monat April von +1,7% auf +0,3% gesenkt wurde, Ende Juni eine besonders heftige Verkaufswelle ausgelöst.
Ausblick für China weiterhin gut
Von den kurzfristigen Rückschlägen einmal abgesehen sind wir beim Ausblick für Wirtschaft und Aktienmarkt in China indes weiterhin zuversichtlich. Das konjunkturelle Umfeld kommt chinesischen Unternehmen sehr zugute. In seinem World Economic Outlook im April 2010 rechnete der Internationale Währungsfonds (IWF) in China mit einem BIP-Wachstum von 10% im Jahr 2010 und von 9,9% im Jahr 2011. Im Gegensatz dazu belief sich seine Wachstumsprognose für die entwickelten Volkswirtschaften (zu denen unter anderem die USA, der Euroraum, Japan, Grossbritannien und Kanada zählen) auf gerade einmal 2,3% bzw. 2,4% in 2010 und 2011.
Phasen erhöhter Marktvolatilität mögen so manchem Marktteilnehmer den letzten Nerv rauben, sie eröffnen aber auch viel versprechende Chancen und sind damit ein Silberstreif am Horizont langfristig orientierter Anleger. Nach dem Rückschlag am chinesischen Markt sind die Bewertungen dort unseres Erachtens recht attraktiv. Die Konsensschätzungen zu den Unternehmensgewinnen lagen im Juni bei einem Plus von 22% in diesem Jahr und von 17% im nächsten Jahr, was uns konservativ erscheint. Mit steigendem Marktsentiment in China dürften sich auch die Kennzahlen wieder verbessern. Vor diesem Hintergrund sind wir der Ansicht, dass sich unser Engagement in Unternehmen mit langfristigem Gewinnwachstumspotenzial für Anleger lohnen wird.
Was unsere Branchenpräferenz anbelangt, so geht unser Research davon aus, dass der Banken-, der Versicherungs- und der Energiesektor auf ihren aktuellen Bewertungsniveaus über eine starke Unterstützung verfügen. Im Gegensatz dazu stehen wir Versorgern und nichtzyklischen Konsumgütern eher zurückhaltend gegenüber. Sie zeichnen sich unseres Erachtens durch eine wenig reizvolle Mischung aus unspektakulären Wachstumsaussichten und unattraktiven Bewertungen aus.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die derzeitige Marktkorrektur unseres Erachtens mittel- bis langfristig einige wirklich interessante Kaufgelegenheiten hervorgebracht hat. Wir nutzen diese vorübergehenden Marktschwächen zum Aufbau von Positionen in attraktiv bewerteten Aktien, die unserer Ansicht nach künftig ein hohes Gewinnwachstum erzielen werden.









