Erst wollte ihn niemand mehr haben, nun stürzten sich alle auf ihn: in nur sechs Wochen hat der Euro zwölf Cent auf 1,30 Dollar gewonnen und der Dollar viel von seinem Glanz eingebüßt. Trotzdem sprechen noch lange nicht alle Börsianer von einem Ende der Talfahrt des Euro. Von einer Euro-Stärke könne keine Rede sein, da das Vertrauen nur langsam in die Euro-Zone zurückkehre, heißt es übereinstimmend in fast allen Analystenkommentaren. Die Gemeinschaftswährung profitiere vor allem von einem Schwächeanfall des Dollar und Neupositionierungen.
Die Enttäuschung der Anleger über die stotternde Erholung der US-Konjunktur hat seit Anfang Juni zu einem Stimmungsumschwung am Devisenmarkt geführt. Mit jeder neuen Statistik aus Washington ist zuletzt die Hoffnung auf ein nachhaltiges Anziehen der US-Wirtschaft und damit eine baldige Rückkehr der Geldpolitik der Fed (US-Notenbank) zur Normalität und zu einem höheren Zins geschwunden. Nicht nur wird die Fed nach Einschätzung von Analysten länger als bisher gedacht an ihrer Nullzinspolitik festhalten. Schon wird auch über neue Stimulusmaßnahmen diskutiert.
Erinnern wir uns: Auch die Talfahrt des Euro war zu Jahresanfang mit einer Neueinschätzung der europäischen Zinspolitik einhergegangen. Wegen der Schuldenkrise in einigen südeuropäischen Ländern hatten die Analysten ihre Prognosen auf eine Zinserhöhung in der Euro-Zone - der Leitzins liegt bei 1,0 Prozent - nach hinten verschoben: Hatten sie im Herbst vorigen Jahres noch damit gerechnet, dass die Europäische Zentralbank (EZB) früher als die Fed die Zinsen anheben wird, war es im Frühjahr 2010 genau umgekehrt. Nun traute man der Fed eine frühere Abkehr von der Nullzinspolitik zu.
Genau diese Prognose ist aber ins Wanken geraten. Schon am Mittwoch könnte Fed-Chef Ben Bernanke die Möglichkeit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik in Aussicht stellen, vermutet Goldman-Sachs-Analyst Andrew Tilton. "Sollten sich die Konjunkturindikatoren unerwartet verschlechtern, so rechnen wir mit weiteren Maßnahmen zur quantitativen Lockerung der Geldpolitik", schreiben die Analysten der Metzler Bank.
Die Anleger haben unterdessen begonnen, sich entsprechend zu positionieren und den bisher angenommenen Zinsvorteil der US-Währung wieder auszupreisen. Am Derivatemarkt setzen immer weniger Anleger auf einen steigenden Dollar. Die Daten der Comodity Futures Trading Commission in den USA zeigen nach Einschätzung von Analysten einen scharfen Stimmungswechsel zuungunsten des Greenback.
Ob dies aber schon das Ende der Euro-Schwäche ist, bleibt Börsianern zufolge abzuwarten. "Der Dollar ist wieder unter Druck und wir könnten kurzfristig noch weitere Kursverluste sehen", fasst Win Thin, Währungsstratege bei Brown Brothers Harriman in New York zusammen. "Aber auch niemand will bislang ganz auf den Euro setzen."
Die jüngsten Kursveränderungen spiegelten eher eine Verschiebungen in den Positionierungen der Anleger wider, denn eine Umkehr der Fundamentalanalyse, stellt Todd Elmer, Währungsstratege bei der Citigroup in New York fest. Er rechnet längerfristig wieder mit einem fallenden Euro. Kurzfristig liege aber der Euro im Vorteil. Dazu könnte auch die Veröffentlichung der Ergebnis des Stresstests für 91 europäische Banken beitragen, erklären die Analysten der Commerzbank. Diese Belastungsprobe werde am Markt auch als solche verstanden und stütze den Euro.
(APA/Reuters)









