Die aktuelle Finanzmarktkolumne von Allessandro Bee, Ökonom der Bank Sarasin:Obwohl sich die weltwirtschaftlichen Konjunkturaussichten seit dem Bankrott der US-Investmentbank Lehman Brothers Mitte September 2008 merklich verdüstert haben, konnten langfristige Staatsanleihen lange Zeit nicht so richtig davon profitieren. Die massiven Interventionen der Regierungen und Zentralbanken nährten bei vielen Anlegern Befürchtungen, dass Bankrettungsaktionen und Fiskalpakete in der nahen Zukunft zu einem Überangebot an Staatsanleihen führen könnten. Die Wende kam letzte Woche mit dem überraschenden Zinsschritt der Schweizerischen Nationalbank und einer weiteren Verschlechterung im Finanzsektor, insbesondere bei der Citigroup, einer bedeutenden US-Bank. Die Zinsen haben daraufhin merklich nachgegeben. Haben Anleihen nach dieser Rallye ihren Höhepunkt nun erreicht oder werden wir in den nächsten sechs Monate noch tiefere Zinsen sehen? Trotz des bereits heute tiefen Zinsniveaus gibt es gute Gründe, wieso die Zinsen weiter fallen werden.Da ist einmal die globale Rezession, welche im zweiten Halbjahr 2008 begonnen hat und sich in den kommenden Quartalen noch verschärfen wird. Die Realzinsen sind in der Regel stark mit dem Konjunkturverlauf korreliert. Die zu erwartenden Hiobsbotschaften von der globalen Wirtschaft dürften zu weiteren Zinsrückgängen führen. Nicht umsonst hat Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel das Jahr 2009 bereits vorsorglich zum „Jahr der schlechten Nachrichten“ gekürt.Nicht nur die düsteren Konjunkturaussichten dürften die Zinsen unter Druck bringen, auch auf der Inflationsseite kann mit einer deutlichen Verlangsamung gerechnet werden. Angesichts des scharfen Rückgangs der Ölpreise werden die Inflationsraten im nächsten Jahr in den Industriestaaten zeitweise gar in den negativen Bereich fallen. Auch für das Jahr 2010 sind keine Inflationsgefahren auszumachen. Aufgrund der scharfen Rezession im Jahr 2009 wird die Kerninflation, die in der Regel dem Wirtschaftswachstum folgt, sich 2010 stark verlangsamen. In der nächsten Zeit wird eine drohende Deflation die Schlagzeilen der Zeitungen dominieren, was Anleihenmärkten Auftrieb verleihen wird. Rezessions- und Deflationsängste werden bis Mitte 2009 die Zentralbanken zu weiteren Zinssenkungen zwingen, was Staatsanleihen hilft. Insbesondere bei der Europäischen Zentralbank und der Bank of England, deren Leitzinsen heute noch bei 3,25% resp. 3,00% liegen, ist noch einiges an Zinssenkungspotenzial vorhanden.Bleibt zu guter Letzt der viel diskutierte Überhang an Staatsanleihen aufgrund der gigantischen Staatsdefizite, die in den nächsten zwei Jahren zu befürchten sind. Es gilt hier jedoch zu bedenken, dass der Markt für Staatsanleihen nicht nur durch das Angebot bestimmt wird, sondern auch durch die Nachfrage nach Staatsanleihen. Investoren dürften aufgrund der heute rekordhohen Risikoaversion riskantere Anlageklassen wie Aktien oder Hedge Funds in der nächsten Zeit eher meiden. Die Zinsen kurzfristiger Staatsanleihen liegen praktisch bei null, so dass langfristige Staatsanleihen eine der wenigen Anlagen darstellen, die zum einen Sicherheit bieten und doch noch ein wenig Zins abwerfen. Das wird die Nachfrage nach Staatsanleihen in den nächsten Monaten stärken.Diese Gründe können, trotz des zu erwartenden großen Angebots an Staatsanleihen, einen weiteren Rückgang des Zinsniveaus auslösen. Das macht langfristige Staatsanleihen auch in den nächsten Monaten zu einer interessanten Anlage.


