Börse Express: Osteuropa ist vor allem medial und von Seiten einiger Experten in den vergangenen Monaten teilweise stark in Verruf geraten. Das hat auch Unternehmen aus Österreich mitgerissen. Wo steht die Region Osteuropa heute? Wie sehen Sie den Vorwurf des Neids in Richtung österreichischer Unternehmen?
Manfred Sibrawa: Man hat gesehen, dass Österreich zu den federführenden Investoren in Osteuropa gehört. Man muss aber auch dazu sagen, dass die österreichischen Investoren in der Vergangenheit es immer so dargestellt haben, als ginge die Entwicklung in der Region nur in eine Richtung, nämlich nach oben. Da ist es zu einer gewissen Ernüchterung gekommen. Aber es stimmt, dass ein gewisser Neid in der Diskussion mitschwingt.
BE: Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Rolle der Ratingagenturen - wie stark beeinflusst das Ihre Arbeit als Fondsmanager?
Sibrawa: Ratings spielen für uns eine untergeordnete Rolle. Man darf sie aber auch nicht komplett vernachlässigen, weil Rückstufungen natürlich schon ihre Auswirkungen haben. Wichtig ist für uns aber in erster Linie die qualitative Aktienanalyse. Wir achten in den vergangenen Monaten verstärkt auf einen gesunden Cashflow. Und genau dieses Thema ist in der Zeit vor der Krise völlig vernachlässigt worden. Wir müssen ganz einfach unsere Hausübungen machen, uns die Bilanzen genau anschauen.
BE: Wird in den zuletzt sehr schwierigen Zeiten der Versuch unternommen, noch näher ans Management der Unternehmen heranzurücken, um zeitnahe Informationen zu erhalten?
Sibrawa: Der Versuch wird schon unternommen, aber die Reisebudgets sind überall kleiner geworden, bei den Emittenten selbst, aber auch bei uns. Die Konsequenz ist, dass man als Anleger - und als Fonds sind wir ja nichts anderes - jetzt noch aktiver sein muss, um zu den gewünschten Informationen zu gelangen.
BE: Was bedeutet die Verknappung bei den Spesen für die Aktivitäten bei den Roadshows? Sind die weniger geworden?
Sibrawa: Die Zahl der Roadshows ist merklich kleiner geworden - und auch die Zahl der Teilnehmer. Aber das kehrt sich gerade wieder um - die Roadshows werden langsam wieder mehr.
BE: Die Kursrückgänge haben zu deutlich niedrigeren Market Caps geführt? Hat sich damit auch das Anlageuniversum für ihre Fonds geändert?
Sibrawa: Das Universum ist zweifellos kleiner geworden, weil viele Small und sogar teilweise Mid Caps nicht mehr investierbar sind, da sie mittlerweile die Mindestgrösse bei der Marktkapitalisierung für ein Investment unterschritten haben oder weil das Handelsvolumen zu gering geworden ist. Es bringt ja nichts, wenn ich als Fonds aus einem Investment nicht mehr schnell rauskomme, wenn ich verkaufen will. Zum Teil sind aber auch die Bewertungen ein Problem geworden. Manche sind einfach komplett unbrauchbar geworden: fehlender Ausblick, schwierige Vergleichbarkeit, etc.
BE: Wenn man eine Länder-Allokation machen müsste, wie sähe diese aus?
Sibrawa: Es gibt mehrere Stufen. Einige Länder sind nach wie vor für unsere Investmentaktivitäten uninteressant. Das sind vor allem jene, wo es schon vor der Krise schwierig war. Ich würde da vorrangig Bulgarien, die Ukraine und Rumänien nennen. Über Bulgarien schwebt unverändert das Damoklesschwert der Abwertung der Landeswährung, die Ukraine ist sowohl ökonomisch als auch politisch riskant und hat generell ein Liquiditätsproblem im Markt. Rumänien hat ebenfalls ein Währungsproblem, und die Liquidität ist dort irrsinnig eng.
BE: Welche Länder würden Sie im Gegenzug positiv herausstreichen?
Sibrawa: Tschechien steht sicher makroökonomisch am besten da, Polen ist auch nicht so schlecht dran, hat aber einen grossen Bankensektor, der in der letzten Zeit stark unter der Finanzkrise gelitten hat.
BE: Ihr Anlage-Universum umfasst geografisch betrachtet auch Russland und die Türkei. Während es in Russland politisch recht ruhig geworden ist, ist die Ruhe rund um einen möglichen EU-Beitritt der Türkei wohl eher kontraproduktiv für Anleger. Wie sehen Sie diese beiden Länder?
Sibrawa: Das Thema EU ist eines, das für die Türkei sehr weit weg war und ist. Ich sehe die Türkei in den nächsten zehn, fünfzehn Jahren nicht in der EU. Warum es aber für mich als Anleger trotzdem interessant ist: Dieses Land ist ein klassischer Emerging Market, der nur wenig rohstoffabhängig ist. Das unterscheidet diesen Markt von Lateinamerika und natürlich auch von Russland. Ausserdem ist die Türkei ein Land ohne demografisches Problem, es ist ein sehr junges Land. Und eine Annäherung an die EU wird es ja trotzdem geben, nur eben Schritt für Schritt. Man wird sehen, dass vor allem die Bereiche Industrie und Dienstleistungen immer stärker mit der EU verflochten sein werden. Russland auf der anderen Seite ist auch ein klassischer Emerging Market, aber mit einer klaren Abhängigkeit von Rohstoffen und natürlich von deren Preisentwicklung. Gerade das macht das Land aber für Anleger auch wieder interessant. Auch hier wird man aber eine schrittweise Abnahme der Abhängigkeit von Rohstoffen über die Jahre bemerken können, weil das ganz einfach ein zu grosses Problem ist: Wenn der Ölpreis von 150 Dollar auf 30 fällt, ist das eine Katastrophe für Russland, in die andere Richtung ist es für das Land gut. Politisch ist Russland jedenfalls stabil geworden.
BE: Wie ist der von Ihnen gemanagte Bawag PSK Osteuropa Stock aktuell positioniert?
Sibrawa: Wir haben das Jahr sehr defensiv begonnen und fuhren eine hohe Cash-Position (20%). Die hat sich aber im Laufe der Monate abgebaut, jetzt sind wir wieder voll investiert, aber noch immer defensiv ausgerichtet. Wir achten insbesondere auf gesunde Bilanzen. Branchenseitig findet sich viel Telekom und Versicherung im Fonds, aber auch wieder Öl- und Gaswerte. Von der Länder-Allokation her sind wir zu 45 Prozent in Russland investiert - dort in Gazprom, Lukoil, Rozneft, Sberbank. Weitere grosse Länder im Fonds sind Tschechien und Polen.
BE: Und in welchem Status befinden sich die CEE-Märkte aktuell? Haben wir den Boden bereits gesehen?
Sibrawa: Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir die Lows schon gesehen haben. Wir haben heuer auch schon wieder eine CEE-Rally gesehen, manche Titel haben sich verdoppelt, verdreifacht - da war es schön, wenn man dabei war. Technisch betrachtet hat es eine Bodenbildung gegeben, einen Bruch der 200er-Linie und ein wunderschönes Signal nach oben. Momentan gibt es wieder Korrekturpotenzial, aber das wird nicht mehr so tragisch sein wie zu Jahresbeginn, als der Konkurs der Welt eingepreist war. Dieses Szenario ist nun eindeutig wieder ausgepreist.
Interview: Peter R. Nestler
Aus dem BÖRSE EXPRESS vom 22.6.2009
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