Eine zunehmende Staatsverschuldung sowie eine schwache Aussen- und Binnennachfrage belasteten im zuletzt die zentraleuropäische Region. Auswirkungen infolge des immensen Haushaltdefizits in Griechenland auf Zentraleuropa lassen Zweifel an dieser Anlageregion aufkommen. Warum sich ein Investment gerade jetzt lohnt und welchen Schwerpunkt Anleger setzen sollten, um die starken Währungsabwertungen und die rückläufigen Renditen zu nutzen, beantwortet Steven Gardyn, Anleihenfondsmanager für Zentraleuropa von KBC Asset Management:
In 2009 war das Gesamtergebnis der Staatsanleihen in Tschechien, Polen und Ungarn besser als in der Eurozone. Warum sollten Anleger auch in Zukunft auf die zentraleuropäische Region setzen?
Steven Gardyn: Zentraleuropa ist auch in 2010 unser bevorzugter Anleihenmarkt. Diese Region ist wirtschaftlich stabil. Länder wie Polen, Tschechien und die Slowakei weisen gesunde Fundamentaldaten auf. Das Aufholpotential der tschechischen Krone, des polnischen Zlotys und der ungarischen Forint ist hoch. Weitere Währungsaufwertungen gegenüber dem Euro sind zu erwarten. Darüber hinaus sind die relativen Spreads zentraleuropäischer Staatsanleihen gegenüber der Eurozone attraktiv. Wir gehen davon aus, dass die Zinsen in Tschechien, Polen und Ungarn sinken werden. Staatsanleihen dieser Länder profitieren davon und entwickeln sich gegenüber der Eurozone besser. Insgesamt erwarten wir für zentraleuropäische Staatsanleihen einen Gesamtertrag von über 10 Prozent in 2010. Für Unternehmensanleihen (Investmentgrade) wird lediglich die Hälfte erwartet.
Auf welche Länder legen Sie ihren Schwerpunkt? Und warum?
Steven Gardyn: Wir bevorzugen Polen, Ungarn und die Türkei in unserem zentraleuropäischen Anleihenportfolio. Insbesondere polnische Anleihen weisen attraktive Renditen auf. Die Sorgen über die Höhe des Haushaltdefizits sind übertrieben. Der polnische Zloty wertete innerhalb der zentraleuropäischen Region am stärksten ab und hat somit das höchste Aufholpotential. Hier bevorzugen wir lange Restlaufzeiten. Ungarische Anleihen werden von stagnierenden bzw. leicht rückläufigen Zinsen, dem schwachen Wirtschaftsumfeld und von einer fortgesetzten Haushaltskonsolodierung profitieren. Zwar wurde das Haushaltsdefizit reduziert, jedoch wird dies vom aktuellen Zinsniveau noch nicht widergespiegelt. Die anstehenden Parlamentswahlen im Frühjahr sollten für weiteren Aufschwung sorgen. In der Türkei hat sich der Rentenmarkt durch die massive monetäre Expansionspolitik stabil gehalten. Darüber hinaus ist das Finanzsystem relativ immun und profitiert vom Angebot des internationalen Währungsfonds für die Türkei.
Wird der weitere Verlauf Griechenlands Einfluss auf die Renditen in der zentraleuropäischen Region nehmen?
Steven Gardyn: Sollte die Situation in Griechenland weiter eskalieren, wird dies Einfluss auf die Risikobereitschaft der Anleger nehmen. Erhöhte Volatilität wird sich dann an den Aktienmärkten breit machen. Das Wirtschaftswachstum in Zentraleuropa wird davon unbeeinflusst bleiben. Kurzfristig ist mit höheren Renditen und weiteren Währungsabwertungen zu rechnen. Wir empfehlen Anlegern diesen kurzfristigen Effekt von niedrigeren Anleihenpreisen als Kaufzeitpunkt zu nutzen, um in Zentraleuropa zu investieren. Die Situation in Griechenland ist schwierig und das Land benötigt eine verstärkte Haushaltsdisziplin. Es besteht nach unserer Auffassung jedoch kein Risiko, dass Griechenland aus der Europäischen Währungsunion austritt.
Wird die Binnenkonjunktur in 2010 durch höhere Staatsverschuldungen in Zentraleuropa zusätzlich gebremst?
Steven Gardyn: Nein. Sicherlich wird das Ausbleiben von massiven staatlichen Hilfen den Druck auf das Wirtschaftswachstum erhöhen sowie die Arbeitsmarktdaten und somit die Einkommen der privaten Haushalte belasten. Im Vergleich zu anderen kontinentaleuropäischen Staaten ist die Staatsverschuldung in Zentraleuropa gering. Massgeblich für das wirtschaftliche Wachstum wird weiterhin die Exportnachfrage aus der Eurozone sein. In Polen hält sich das Leistungsbilanzdefizit in Grenzen. Umfangreiche EU-Fördergelder für den Ausbau der Infrastruktur sowie neue Projekte im Rahmen der Fussballeuropameisterschaft 2012 werden unter anderem für Wirtschaftswachstum sorgen. In der Türkei erwarten wir eine leichte Verbesserung des Leistungsbilanzdefizits. Zudem drücken die schwachen Währungen, wie z.B. in Ungarn, auf die massiven Staatsverschuldungen in Euro, so dass eine Aufwertung der lokalen Währungen angestrebt wird.
Wie erfolgreich werden aus Ihrer Sicht die Investments in der Türkei sein?
Steven Gardyn: Strukturelle Reformen und eine disziplinierte Geldpolitik sorgen für gute Aussichten. Und die Konsumnachfrage ist auf einem stabilen Fundament gebaut. Früher war die Wirtschaft abhängig von den Entwicklungen in der Textilindustrie und in der Landwirtschaft. Zukünftig entscheidet die Nachfrage in der Automobilbranche sowie bei den langlebigen Gebrauchsgütern, wie etwa nach Unterhaltungselektronik, Möbel oder Büroware über die wirtschaftliche Entwicklung. Zudem ist die Türkei im hohen Masse von Rohstoffimporten abhängig. Höhere Rohstoffpreise werden die Preisdynamik ankurbeln. Attraktive Investmentchancen ergeben sich für den mittel- bis langfristig orientierten Anleger durch ein verbessertes Risikoumfeld und durch eine Aufwertung der türkischen Lira. Für die Türkei erwarten wir, dass sich die Aktienmärkte besser als andere europäische Aktienmärkte entwickeln werden. Bei den lokalen Staatsanleihen sind die Renditen zwar dramatisch zurück gegangen, jedoch werden Anleger in 2010 von der überdurchschnittlichen Entwicklung der türkischen Lira deutlich profitieren. Allerdings sollte auf bewährte Investments mit aktivem Risikomanagement gesetzt werden, um die regionalen Konvergenzvorteile richtig zu nutzen.









