In manchen Londoner U- Bahnstationen wird man wiederholt gebeten, beim Aus- und Einsteigen den großen Abstand zwischen Zug und Bahnsteig zu beachten. Der Hinweis “Mind the gap” soll die Gefahr von Unfällen senken.
Eine wahre Kluft scheint sich derzeit auch zwischen den Markterwartungen und den wichtigsten politischen und ökonomischen Realitäten aufzutun. Werden die optimistischen Erwartungen der Investoren nicht bestätigt, könnte der Ausverkauf an den Börsen im Januar nur der Vorgeschmack auf ein enttäuschendes Gesamtjahr gewesen sein - und zwar für mehrere Anlageklassen einschließlich Aktien.
Ich bin kein Politikexperte, aber ich respektiere viele, die es sind und höre ihnen zu. Was sie zu sagen haben, ist auf unheimliche Weise übereinstimmend und ziemlich bedenklich.
In Washington ist die politische Atmosphäre angespannt und zunehmend polarisiert. Maßnahmen mit Rückendeckung beider politischer Lager durchzusetzen, ist schwieriger geworden. Die politische Mitte schrumpft und ist immer schwerer zu fassen. Breite Unterstützung für die stärker parteipolitisch geprägten Flügel ist indes nicht vorhanden.
Die Situation wird nicht durch den Umstand verbessert, dass das Vertrauen in wichtige Institutionen aus Staat und Privatwirtschaft schwindet. Aktuelle und vergangene politische Entscheidungen werden im Nachhinein angezweifelt; und das Image der Banken in der Öffentlichkeit hat schweren Schaden genommen.
Während sich der aufsichtsrechtliche Rahmen im Wandel befindet, ist die Kluft zwischen Konzernen und kleinen Firmen so groß, wie ich es noch nie gesehen habe. Das gilt auch für den Spalt zwischen den Reichen und den weniger begüterten Teilen der Bevölkerung.
All dies geschieht zu einer Zeit großer wirtschaftlicher Umbrüche und Herausforderungen. Die globale Finanzkrise hat das Wachstum und die Schaffung neuer Arbeitsplätze untergraben. Sie hat viele Kanäle verstopft, die Kapital einem produktiven Nutzen zuführen, und die Staatsverschuldung und das Haushaltsdefizit in besorgniserregende Höhen getrieben.
Besonders bedenklich ist für mich der Anstieg der Arbeitslosigkeit. Da es an breiten strukturellen Maßnahmen mangelt - die meisten sind politischem Gegenwind ausgesetzt - sehen wir einer Zeit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit entgegen, die besonders die Jugend treffen wird. Uns drohen erhebliche Wohlfahrtsverluste und Einbußen an Humankapital sowie eine niedrigere Flexibilität am Arbeitsmarkt. Dazu kommt eine weitere Belastung für die bereits angeschlagenen Staatsfinanzen.
Dies sind wichtige politische und volkswirtschaftliche Themen. Sie deuten darauf hin, dass es nach der Krise eine Neuordnung der US-Wirtschaft geben wird, die längere Zeit in Anspruch nimmt. Pimco bezeichnete diese Entwicklung vergangenes Jahr als mehrjährige Entwicklung hin zu einer neuen Normalität.
All dies steht im Einklang damit, was die wissenschaftliche Literatur über Nachkrisenzeiten schreibt. Solche Analysen erinnern uns daran, in welchem Umfang Verwerfungen wie in den Jahren 2007 bis 2009 strukturelle Bruchstellen freilegen, die durch massive zyklische Gegenmaßnahmen der Politik bestenfalls übertüncht werden können.
Und die Dinge sind noch komplexer. Die Neuausrichtung der USA geschieht im Kontext längerfristiger Verschiebungen in der globalen Wirtschaftsdynamik und der Wohlstandsverteilung. Einige der systemisch wichtigen Schwellenländer - wie Brasilien, China und Indien - haben Stadien erreicht, in denen die Entwicklung vor einem Quantensprung steht.
Die Beweise sind überwältigend: Wirtschaftliche und politische Indikatoren mahnen uns, die Dinge mit Blick in die Zukunft zu betrachten. Dennoch sind zu viele Märkte - und ich würde auch sagen, zu viele private und öffentliche Institutionen - offenbar Geiseln zyklischer Kräfte. Dies wird daran deutlich, dass viele die folgenden sechs Szenarios für 2010 nicht hinterfragen:
-- Erstens: einen geordneten Übergang von zeitweiligen Wachstumstreibern (staatlichen Konjunkturpaketen und dem Neuaufbau von Lagerbeständen) hin zu nachhaltigen Impulsgebern wie privater Nachfrage
-- Zweitens: einen reibungslosen Ausstieg aus den unkonventionellen Hilfsmaßnahmen für die Wirtschaft, wobei die Strategien das nötige Maß von Flexibilität bei der Anwendbarkeit wiedergewinnen
-- Drittens: ein mittelfristiges Haushalts- Anpassungsprogramm der Regierung, das glaubwürdig ist und das Wachstum vorantreibt
-- Viertens: eine Erholung bei der Darlehensvergabe der Banken, die den enormen Druck von den Kleinunternehmen nimmt
-- Fünftens: die Fähigkeit, die Integrität wichtiger Institutionen des Staates zu verteidigen.
-- Und schließlich: eine effiziente globale Abstimmung der Strategien
Eine realistischere Einschätzung dieser Faktoren wäre eine Warnung, sich überzogen auf Änderungen der Wachstumsraten zu konzentrieren - zu einer Zeit, zu der die absoluten Zahlen arg aus dem Lot geraten sind. Sie würde dazu ermutigen, sich stärker mit den wichtigen Einsichten der Finanzmarktpsychologie hinsichtlich der Bewältigung von Systemwechseln zu beschäftigen. Sie würde uns auch an die Kluft zwischen strukturellen Realitäten und zyklischen Fantasien erinnern.
Je länger diese Neueinschätzung hinausgeschoben wird, desto größer ist die Gefahr politischer Fehler und Enttäuschungen am Markt.
( Quelle: Bloomberg )









