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Interview

'Um in der multipolaren Welt bestehen zu können, muss man sie erst verstehen'   Facebook be



05.06.2009
 
Klaus Malle, Country Managing Director bei Accenture Österreich, über die multipolare Welt und ihre Anfordungen für die Wirtschaft

Börse Express: Was war eigentlich die Motivation für Ihr neues Buch ‘Top oder Flop’ gerade jetzt?

Klaus Malle: Das Buch war ganz einfach notwendig. Darin sind Statements zusammengefasst, die aus dem beruflichen, aber auch aus dem persönlichen Umfeld abgeleitet sind. Ich bin jetzt seit 20 Jahren Berater, da hat sich einiges angesammelt. Im Wesentlichen geht es darum, die Vorzüge der globalisierten Welt für alle darzulegen, eine Position zu beziehen, auch weil die Globalisierung kritisiert wird. Das Buch soll ein Beitrag dazu sein, den Begriff Globalisierung aus seiner negativen Konnotation herauszuheben und die positiven Seiten zu kommunizieren. Gerade dieses Kommunizieren ist mir dabei ein besonderes Anliegen, denn es ist wichtig, die Diskussion zu entemotionalisieren. Wir müssen uns mehr den rationalen Fakten zuwenden.

BE: Welche Vorzüge der Globalisierung erkennen Sie für Österreich?

Malle: Österreich hat zum Beispiel ungemein vom Betritt zur Europäischen Union profitiert, vor allem die Unternehmen, für die erst der Beitritt all jene Chancen eröffnet hat, die einige genützt haben. Einer der am leichtesten erkennbaren Vorteile: Das Pro- Kopf-Ein-kommen in Österreich ist im Durchschnitt stark gestiegen und liegt nun 14 Prozent über jenen der EU-15 - da sind also keine Länder aus Osteuropa mit eingerechnet. Auch hier zählen wieder die Fakten, und einer davon ist, dass der Binnenmarkt Österreichs sehr klein ist, da stossen Unternehmen sehr rasch an „natürliche“ Grenzen. Der EU-Beitritt und die Ostöffnung haben Möglichkeiten zu einer sinnvollen und notwendigen Erweiterung der Absatzgebiete für Produkte und Dienstleistungen geschaffen. Ohne die wären vor allem eine Reihe von Grossunternehmen in Österreich bedeutungslos, oder sie hätten bereits verkauft werden müssen. Dazu kommt auch hierzulande ein demografisches Problem. Das führt zu Schwierigkeiten auf der Produzenten- und auf der Konsumentenseite. Diese sind nun anzugehen.

BE: Wie geht es nach der aktuellen Finanzund Wirtschaftskrise weiter?

Malle: Die Unternehmen müssen auf die 2. Halbzeit der Globalisierung vorbereitet sein, und die ist gekennzeichnet durch neue Spieler. Das sind solche, die von den österreichischen Unternehmen derzeit noch zu wenig beachtet werden: Länder wie China, Indien oder die Türkei. Man wird jedenfalls dazu lernen müssen, wenn man als Unternehmen seine Position verteidigen oder ausbauen will. Für Österreichs Exporte war die Leichtigkeit der Sprache bei Deutschland und der Schweiz lange Zeit gegeben. Wie schafft man nun die neuen Hürden? Die nächste Welle der multipolaren Welt umfasst Mitspieler, die nicht mehr so einfach zu (be)greifen sind. Da erfordert es vom Unternehmen, aber jedenfalls auch vom Individuum, mehr sprachliche Kompetenz, eine höhere Mobilität aber auch soziale Anpassungsfähigkeit neuen Kulturkreisen gegenüber. Das muss hierzulande noch gelernt werden.

BE: Der Einzelne kann sich weiterbilden. Was sollen Staaten tun, um in Zukunft bestehen zu können. Wie kann sich Österreich positionieren?

Malle: Österreich kann in der multipolaren Welt nur über Innovation bestehen. Wir werden nie ein Billiglohnland werden. Unsere Chance liegt in innovativen Produkten und Dienstleistungen. Dazu ist es essenziell, dass das Thema Bildung forciert wird. Da müssen alle Seiten weg von ihrem klassischen Lagerdenken. Prioritär ist die Überlegung: Was braucht die Wirtschaft morgen, was braucht sie übermorgen? Und dazu bedarf es einer Reform der Vorschule, der Grundschule und der Hochschule. Dazu gehört auch eine ordentlich durchdachte, klar strukturierte Erwachsenenbildung und die Förderung der Weiterbildung in den Unternehmen selbst. Österreich kann es sich nicht leisten, beim Thema Bildung auf der Reservebank sitzen zu bleiben. Wir müssen in die A-Liga kommen. Die Politik muss den Startschuss geben, aber die Ausformung der Reform muss man richtigen Bildungsexperten überlassen.

BE: Die österreichische Wirtschaft ist im internationalen Vergleich kleinteilig. Welche Chancen hat sie in einer globalen, multipolaren Welt, wie Sie das bezeichnen?

Malle: Ein sinnvoller Ansatz war die Clusterbildung, zum Beispiel der Automobilcluster. Das ist ein mögliches Modell. Da wurde bereits sehr viel Innovation geschaffen, auf die die ganze Welt wartet. Zusätzlich wären solche Cluster in den Bereichen Biotechnologie und alternative Energien möglich, weil es da bereits einzelne Bausteine gibt. Aber das bedingt wiederum erste Investitionen des Staates in Infrastruktur und die Fokussierung der Forschung auf diese Bereiche. Es geht gar nicht so sehr darum, wesentlich mehr für Forschung und Entwicklug auszugeben. Es geht um die Fokussierung auf bestimmte Bereiche, weil das die Effizienz erhöht. Erst muss man überlegen: Welche Segmente wollen wir abdecken, und erst dann sollten Investitionen erfolgen.

BE: Wann wird die aktuelle Krise vorüber sein?

Malle: Derzeit trifft die Rezession auf ein Platzen der Kreditkrise. Die Auswirkungen sind stark und eine Prognose schwierig Aber auch diese Krise wird die Notwendigkeit der Fokussierung verstärken. Die Konsumnachfrage wird stark wiederkehren, und ich bin überzeugt, dass auch die diversen Konjunkturpakete wirken werden. Österreich wird sich jedenfalls aktiv in den Schwellenländern anbieten müssen. Nur so können wir unsere Chancen nützen.

Interview: Peter R. Nestler

Das Buch „Klaus Malle: Top oder Flop. Herausforderungen und Chancen für österreichische Unternehmen in der multipolaren Welt“ (Linde Verlag) ist im Buchhandel erhältlich.

Aus dem Börse Express vom 4.6.2009
Abos unter http://www.boerse-express.com/


 
 

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