Dem Silber wird von etlichen Marktkennern ein höheres Kurspotential zugetraut als dem Gold, da Silber als Industriemetall stark nachgefragt wird, aber auch zur Wertsicherung wieder an Bedeutung gewinnt. Zudem sind die globalen Vorkommen relativ knapp. Der Börse Express befragte daher den Finanz- und Silberexperten Thorsten Schulte, Chefredakteur von „Silberjunge“ (www.silberjunge.de ) zum Silbermarkt und den Aussichten für Silber.
(Teil II)
II. Finanzmarkt
BE: Vom bekannten Silberanalysten Theodore Butler werden seit Jahren Meldungen über enorme Silbershorts lanciert, die schon in die Größenordung einer Jahresproduktion kommen. Ist da was dran, kann man das zumindest teilweise verifizieren?
Schulte: Die vier größten Spieler im US-Silber-Terminmarkt sind derzeit short mit 61.094 Kontrakten. Sie haben damit immerhin 305,5 Mio. Unzen (10'000 to) Silber am US-Terminmarkt verkauft, was 45% der gesamten Minenproduktion des Jahres 2008 entspricht. Zwei US-Banken waren Anfang Januar mit netto 37.292 Kontrakten short. Dies entspricht über 27% der Jahresminenproduktion. Wenn Bankanalysten uns sagen, dass diese Positionen wahrscheinlich „nur“ im Auftrage Dritter eingegangen werden, kann ich nur müde lächeln. Auffällig ist doch, dass derartige Short-Überhänge der vier großen Trader, zweier US-Banken und der kommerziellen Trader (Commercials) bei keinem anderen Rohstoff bestehen. Die Commercials haben im Silber derzeit rund 47%, im Gold rund 37%, bei Platin weniger als 20% und bei Palladium rund 20% netto leerverkauft. Bei Rohöl kommen sie nicht auf mehr als ein Prozent. Da sollte jeder Verdacht schöpfen. Aber schon Paul Volcker, der Vorgänger von Alan Greenspan und heutige Berater von Obama bezeichnete es als Fehler, in den 70er Jahren nicht gegen die Edelmetallspekulation vorgegangen zu sein.
BE: Die CFTC hat für den frühen März ein Meeting angekündigt, wo ähnlich wie zuvor der Energiemarkt nun auch der Edelmetallmarkt überprüft werden soll (Begrenzung von Handelspositionen). Gibt es hier konkrete Erwartungen, was herauskommen könnte?
Schulte: Lassen Sie mich kurz Stellung nehmen zu möglichen Positionslimiten der Commodities Futures Trading Commission’s (CFTC) für Edelmetalle. Im März soll dazu eine öffentliche Anhörung erfolgen. Aus unserer Sicht sollte das Thema nicht überbewertet werden und die Kommission wird kaum JP Morgan Chase oder Goldman Sachs in Nöte bringen wollen angesichts hoher Short-Bestände im Silbermarkt. Dies entspringt dem Wunschdenken einiger Silberanalysten.
Vor allem: Sollte die CFTC massive Spekulationsbeschränkungen für Gold und Silber einführen, würde dies den Erwerb physischer Gold- und Silberbestände noch attraktiver machen. Selbst die Deutsche Bank kommt in ihrem neuen Rohstoff-Wochenbericht zu der gleichen Einschätzung wie ich. Ich rate daher, dass der Löwenanteil der Edelmetallinvestments auf physischen Gold- und Silberbesitz entfällt. Denn selbst bei Börsenterminmarktkontrakten ist selbstverständlich möglich, dass Regularien zulasten der Käufer von Silber-Futures oder Kaufoptionen auf Silber-Futures an der Comex geändert werden. Wir machten bereits darauf aufmerksam, dass eine von uns betreute Volksbank an der Comex nur Positionen eingehen darf mit der Selbstverpflichtung, niemals physische Auslieferung zu verlangen. Aber welchen Wert haben dann derartige Papierforderungen auf Silber?
Denken Sie darüber hinaus nur an die Maine-Potato-Kontrakte Mitte der 70er Jahre. Die Kontrakte wurden glattgestellt zu einem willkürlichen Preis der Aufsicht. Wir meinen daher, dass der Hauptanteil weiterhin physisch investiert werden sollte so wie von uns in der untenstehenden Tabelle ständig empfohlen.
III. Silberminen
BE: Wie viele reine Silberminen, börsennotiert, gibt es eigentlich, was ist ihre Kapitalisierung? Wie sieht dies aus, wenn man auch diejenigen Minen dazunimmt, bei denen Silber zumindest einen wichtigen Einfluss auf das Geschäft hat?
Schulte: 2008 war BHP Billiton der größte Silberproduzent mit 42,3 Mio. Unzen, gefolgt von KGHM Polska aus Polen mit 38,4 Millionen Unzen. Bei BHP Billiton machen die Einnahmen aus den Verkäufen von Kupfer, Silber, Blei, Uran und Zink zusammen gerade 14,53% der gesamten Einnahmen aus (Juni 2009 laut Bloomberg). Fast 80% der Umsatzerlöse von KGHM Polska entfallen auf Einnahmen aus den Verkäufen von Kupfer, Edelmetallen und anderen Beiprodukten.
Wer wirklich nach Unternehmen Ausschau hält, die an stark steigenden Silberpreisen partizipieren, muss sich an den primären Silberproduzenten orientieren. Primär meint, dass die Haupteinnahmen der Minengesellschaften aus dem Silberverkauf resultieren. Spitzenreiter ist dabei Silver Wheaton (ca. 2 Mrd. Euro Börsencap.). Das Unternehmen kommt auf einen Erlösanteil des Silbers von 94%. Pan American Silver (ca. 1 Mrd. Euro Börsencap.) und Coeur D’Alene (ca. 0,6 Mrd. Euro Börsencap.) kommen beide auf 78%. Hochschild auf 61%, Fresnillo liegt bei 57% (ca. 5 Mrd. Euro Börsencap.), Silvercorp Metal erreicht 51%. Hecla Mining erzielt nur einen Anteil von 41% (Anm. Börsencap. ergänzt durch BE).
IV. Gold/Silber-Ratio
BE: Was sind eigentlich die Ursachen, dass es zu diesem starken Auseinanderdriften von der Silber-Gold-Ratio gekommen ist, die über Jahrhunderte bei 1:15 (1 Unze Gold kostete soviel wie 15 Unzen Silber) lag und jetzt bei 1: >60?
Schulte: In der Tag lag das Gold/Silber-Ratio über sehr lange Zeit bei 15 zu 1. Heute kostet eine Unze Gold das 64fache einer Silberunze. Noch Mitte des letzten Jahrhunderts gab es oberirdische Silberlager von 10 Mrd. Unzen. Heute sind es, selbst bei großzügigen Annahmen, nicht mehr als 1,2 Mrd. Unzen. Noch 1940 besaß die US-Regierung über 3,135 Mrd. Unzen Silber, heute ist davon nichts geblieben. Der Lagerabbau führte über Jahrzehnte hinweg zu Verschiebungen zuungunsten des Silbers. Hinzu kam der Verlust der Geldfunktion. Silber wurde 1873 in den USA entmonetarisiert. Bis 1964 hatte allerdings ein 25-Cent-Stück noch einen Silberanteil von 90%. Seit 1965 enthalten Vierteldollarstücke kein Silber mehr. Der Verlust der Geldfunktion setzte viel Silber frei. Das ist aber alles Vergangenheit. Silber ist wichtig in der Industrie und wird in vielen Zukunftstechnologien eine Rolle spielen. Die Lagerbestände sind historisch niedrig. Von 1900 bis 2008 lag die Silberproduktion nur beim rund 8,2fachen der Goldproduktion. In der Natur kommt Silber 17,5mal so häufig vor wie Gold. Noch dazu kommt es nahe der Erdoberfläche recht gediegen vor, mit zunehmender Abbautiefe nimmt aber die Silberkonzentration ab. Gold wird hingegen in Südafrika selbst in einer Tiefe von 4.000 Metern gefördert. Noch dazu weist Silber die niedrigste Reservenreichweite von allen Industrie- und Edelmetallen auf. Von daher gehe ich auf Sicht von spätestens 5 Jahren davon aus, dass wir ein Gold/Silber-Ratio von 15 wieder sehen werden.
BE: Welche Leistungen und Produkte bieten Sie den Anlegern an?
Schulte: Ich halte meine Leser auf dem Laufenden, was die Edelmetallmärkte und die weltwirtschaftliche Entwicklung angeht. Dabei ist antizyklisches Investieren ungemein wichtig. Optimisten-Daten, die Positionierung am Terminmarkt, die Intermarket-Analyse sowie Fundamentalanalyse und unzählige Indikatoren stehen dabei im Mittelpunkt. So habe ich Mitte 2008 sogar zum Kauf deutscher Staatsanleihen geraten und vor einem Deflationsschock gewarnt. Für die nächsten Jahre setzte ich allerdings auf Reflationierung! Rückschläge sind dabei vorprogrammiert und machen es nötig, den Markt ständig im Auge zu behalten.
BE: Herr Schulte, danke für das Gespräch!
(cr)
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