Die Urteile derInvestmentstrategen über den indischen Aktienmarkt purzeln imRekordtempo, seit das Land unter den großen Schwellenmärktenerstmals seit gut drei Jahren der teuerste ist.Der Sensitive Index der Bombay Stock Exchange ist derzeitmit dem 20-fachen der geschätzten Gewinne und damit erstmalsseit November 2006 höher bewertet als der chinesischeAktienmarkt. Der Sensex ist damit laut Bloomberg-Daten nach demjapanischen der zweitteuerste Markt unter den 25 größtenAktienmärkten weltweit. Selbst nach seiner schlechtesten Wochein drei Monaten - vergangene Woche rutschte er um vier Prozent -werden die im Sensex gelisteten Werte zu Preisen gehandelt, dienur um 6,1 Prozent unterhalb der Notierungen liegen, die dieAnalysten in zwölf Monaten erwartet hätten.
Die steigenden Bewertungen haben Analysten veranlasst, dieKaufempfehlungen für indische Aktien auf ein Rekordtief zusenken. Goldman Sachs Group Inc. rechnet damit, dass die ReserveBank of India (RBI) für diese Woche die erste Zinsanhebung seit2006 plant, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen. “Inanderen Schwellenmärkten gibt es bessere Gelegenheiten”, sagteRoger Groebli, Leiter Finanzmarktanalyse bei LGT CapitalManagement in Singapur. Er ist davon überzeugt, dass “Indien imersten Quartal nicht mit den anderen Märkten mithalten” wird.
Von seinem Tiefpunkt im vergangenen März stieg der Sensexbis zum 6. Januar 2010 um 117 Prozent, befeuert vom zunehmendenWachstum im nach China, Brasilien und Russland viertgrößtenEmerging Market. In den drei Monaten bis September wuchs dieWirtschaftsleistung Indiens um 7,9 Prozent. Für 2010 erwartetder Internationale Währungsfonds ein Wachstum von 6,4 Prozent.Die Rally ließ den Sensex am Shanghai Composite Indexvorbeiziehen, was das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) angeht. InSchanghai werden die Aktien derzeit im Schnitt mit dem 18-fachender erwarteten Gewinne gehandelt.
Die Bewertungen chinesischerAktien fallen, seitdem das rasche Wachstum der Wirtschaft - imvierten Quartal betrug es 10,7 Prozent - die chinesische Führungverstärkt unter Druck setzt, etwas gegen die Bildung von Blasenzu unternehmen.Beim brasilianischen Bovespa beträgt das KGV auf Basis dererwarteten Gewinne 13, beim russischen Micex 9,2. Für denjapanischen Nikkei-225 lautet die Vergleichszahl nach Bloomberg-Daten 40, für den Standard & Poor’s 500 Index 14.Anführer der Sensex-Rally war Tata Motors Ltd., derHersteller des billigsten Autos der Welt. Seine Aktien habenseit vergangenem März um 470 Prozent zugelegt und sind derzeitmit dem 27-fachen der von Analysten erwarteten Gewinne bewertet.Die Anteilsscheine des größten chinesischen Autokonzerns, SAICMotor Corp. aus Schanghai, werden derzeit zum 23-fachen deserwarteten Gewinns gehandelt.Die steigenden Bewertungen haben viele Analysten bewogen,ihre Kaufempfehlungen für indische Aktien zurückzuziehen.
Nurnoch 49 Prozent aller von Bloomberg erfasstenAnalystenempfehlungen für indische Aktien raten zum Kauf. Dasist der niedrigste Wert seit Bloomberg 1997 mit der Erfassungdieser Daten begann. Noch vor einem Jahr lautete dasAnlageurteil der Analysten über indische Aktien in 59 Prozentder Fälle “Kaufen”.Aufgrund ihrer hohen Bewertung sind viele indischeUnternehmen versucht, Aktien an den Markt zu bringen. Sieplanen, auf diese Weise insgesamt bis zu 30 Mrd. Dollar zubeschaffen. Dazu kommen Privatisierungsvorhaben der Regierung,die laut Kotak Securities auf Erlöse in Höhe von 10 Mrd. Dollarhofft.
Der Anlagestratege Timothy Moe von Goldman Sachs inHongkong ist der Auffassung, dass indischen Aktien eine“taktische Korrektur” bevorsteht. Die Anleger hätten nämlich dieAuswirkungen steigender Zinsen und anziehender Inflation nichteingepreist, vermutet Moe. Die Großhandelspreise sind in Indienim Dezember um 7,3 Prozent gestiegen, so steil wie seit übereinem Jahr nicht mehr. Moe erwartet, dass RBI-Gouverneur DuvvuriSubbarao am 29. Januar eine Zinsanhebung um 25 Basispunkte aufdann 3,5 Prozent bekanntgeben wird. Elf der 15 von Bloombergbefragten Volkswirte erwarten keine Zinsänderung. Subbaraoerklärte vergangene Woche, er wolle die Konjunkturerholungunterstützen ohne die Preisstabilität zu gefährden.
Der indische Markt “hat das Risiko der geldpolitischenStraffung noch nicht eingepreist, während man in China bereitsbegonnen hat, es zu berücksichtigen”, sagte Shane Oliver, LeiterAnlagestrategie bei AMP Capital Investors in Sydney. “Dasmakroökonomische Umfeld in Indien ist, ebenso wie dieBewertungen des Aktienmarkts, weniger günstig.”
(Bloomberg)


