Im zweiten Quartal steckten die weltweiten Zentralbanken 63 Prozent des neu angesammelten Kapitals in Euro und Yen, wie aktuelle Zahlen von Barclays Capital zeigen. Die Entwicklung dürfte den Druck auf die US-Währung (im Bild Fed-Chef Ben Bernanke) erhöhen. “Bisher haben die Zentralbanken nur über Diversifizierung geredet, jetzt machen sie ernst”, sagt Steven Englander, der leitende Devisenstratege von Barclays für die USA. “Es scheint, als ob sie wirklich vom Dollar abrücken.” Von April bis Juni, den Zeitraum, für den die neuesten Zahlen vorliegen, haben die Notenbanken der Welt ihre Devisenbestände um insgesamt umgerechnet 413 Mrd. Dollar auf 7,3 Bill. Dollar (5 Bill. Euro) erhöht. Die Reserven verzeichneten damit den stärksten Anstieg seit mindestens 2003. Der Anteil des Dollars an den neu gebildeten Devisenreserven der Staaten ist auf 37 Prozent gesunken. Seit 1999 lag er bei durchschnittlich rund 63 Prozent.
In den vergangenen sechs Monaten hat der Dollar gegenüber einem Währungskorb aus den Devisen der wichtigsten US- Handelspartner 10,3 Prozent an Wert verloren. So rapide sackte der Greenback seit 1991 nicht mehr ab. Die Regierung Obama betont zwar, ein starker Dollar sei im Interesse der USA. Andererseits scheint sie Kursabschläge zu tolerieren, solange diese nicht die ausländischen Käufer von US-Staatsanleihen abschrecken. Gibt der Dollar nach, werden amerikanische Produkte im Ausland billiger. Die Exportwirtschaft der USA profitiert.
Der Druck auf den Dollar beruht zum Grossteil auf der Rekordverschuldung des US-Finanzministeriums, das ein beispielloses Defizit im Staatshaushalt finanzieren muss. Im Fiskaljahr bis Ende September überstiegen die Ausgaben die Einnahmen um 1,4 Bill. Dollar. Ausländische Unternehmen und Regierungsvertreter beklagen bereits, dass ihre Volkswirtschaften unter der Dollar-Schwäche leiden. Zum japanischen Yen hat die US-Währung seit April mehr als zehn Prozent nachgegeben. Die Stärke des Yen sei “schmerzhaft”, sagt Yukitoshi Funo, Executive Vice President beim japanischen Autoriesen Toyota Motor Corp. Airbus-Vorstand Fabrice Bregier nannte den Anstieg des Euro vergangene Woche eine “Herausforderung”. Seit April hat Europas Gemeinschaftswährung elf Prozent zum Dollar aufgewertet. Sowohl Japan als auch Europa sind wirtschaftlich stark von Exporten in die USA abhängig. Wertverluste beim Dollar belasten ihre Wettbewerbsfähigkeit. Der Chef der Europäischen Zentralbank, Jean-Claude Trichet, erklärte vergangene Woche in Venedig, das Eintreten der USA für einen starken Dollar sei “im gegenwärtigen Umfeld extrem wichtig”.
Der grösste Gläubiger der USA, China, betont ebenfalls die Tragweite der geldpolitischen Entscheidungen. “Die Länder, deren Devisen als Reservewährungen fungieren, sollten die Folgen ihrer Geldpolitik für die eigenen Volkswirtschaften und die Weltwirtschaft abwägen”, sagte Präsident Hu Jintao Ende September bei der Konferenz der G20-Staaten in Pittsburgh. Sie müssten dabei die Stabilität an den internationalen Finanzmärkten mit im Blick haben.
Das Gewicht des Dollars an den Devisen-Gesamtbeständen der Notenbanken ist im zweiten Quartal um 2,2 Prozentpunkte auf den beispiellos niedrigen Anteil von 62,8 Prozent geschrumpft. Schwellenländer haben seit März jeden Monat rund 30 Mrd. Dollar gegen Euro, Yen und andere Währungen verkauft. Über die weitere Entwicklung sind die Experten uneins. Allokationsspezialist Christoph Kind vom Frankfurt Trust hält das Abrücken der Notenbanken vom Dollar für einen vorübergehenden Trend. “Gegenwärtig ist die Welt mit Dollars überschwemmt, Dollars sind ja quasi kostenlos zu haben”, so Kind. “Wenn die Amerika seine Geldpolitik verändert, wird auch der Dollar als Reservewährung wieder mit anderen Augen gesehen werden. Die Diversifikation hat mehr damit zu tun, eine Konzentration von Risiken zu vermeiden, als mit einer trüben Sicht auf den Dollar.”
Fabrizio Fiorini von der Mailänder Vermögensverwaltung Aletti Gestielle SGR SpA geht dagegen davon aus, dass sich die Diversifizierung weg vom Dollar beschleunigen wird. “Die Leute kaufen den Euro nicht, weil sie ihn haben wollen, sondern weil sie ihre Dollars loswerden wollen. Auf lange Sicht werden die USA nicht mehr das mächtige Land sein, das sie einmal waren.”
(Bloomberg)








