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Interview

'Insgesamt bieten Gold-Investitionen derzeit keine wertschöpfenden Alternativen'   Facebook be



16.05.2009
 

Thomas Steinemann, Chefstratege bei Vontobel, sieht keine Inflationsgefahr, eher im Gegenteil. Auch deshalb sei Gold überschätzt.

foonds.com: Derzeit wird von manchen Analysten schon wieder ein Szenario der Inflationsgefahr als Schreckgespenst an die Wand gemalt. Wie stehen Sie zum Thema Teuerung?

Thomas Steinemann: Die Inflation wird nicht stärker steigen, und zwar trotz der Entwicklung der Geldmenge und wegen der Zinsen. Inflation entsteht ja immer nur dann, wenn die Geldpolitik nicht passt - die hat aber bisher auch in der Krise gepasst. Dazu kommt, dass die Kapazitätsauslastung der Wirtschaft weltweit bereits recht niedrig ist. In Europa ist sie nur noch zu 60 Prozent ausgelastet. Und auch vorwärts gerichtet muss man sagen: Inflation könnte nur aufkommen, wenn die Zentralbanken den umgekehrten Weg - also steigende Zinsen - nicht (schnell genug) gehen und die Zinsen nicht adäquat nach oben anpassen, wenn die Konjunktur wieder anzieht.

foonds: Gibt es bis zum Anziehen der Zinsen die Gefahr von Deflation?

Steinemann: Bis zum Sommer werden wir sicher eine Deflation sehen. Das ist aber nicht so schlimm, denn es wird sich nur um eine rein technische Deflation handeln, von der alle jetzt bereits wissen. Und sie wird vorübergehend auftreten. Es handelt sich um einen erwarteten Effekt der Rohstoffpreisentwicklung. Zum Beisoiel waren wir vor einem Jahr bei Rohöl bei 150 Dollar und sind jetzt bei 55 Dollar. Da entstehen natürlich Basiseffekte. Aber die sind kalkuliert.

foonds: Ab wann werden die Zinsen wieder steigen, wie schnell und bis auf welches Niveau können sie klettern?

Steinemann: Die Gefahr der Zinssteigerung besteht ganz einfach, weil die Zinsen jetzt so niedrig sind. Etwas sophistizierter ausgedrückt: Die durch die Geldpolitik bedingten Anpassungen werden auch zu steigenden Zinsen führen. Das wird zwar noch nicht im Sommer geschehen, aber in einem 12-Monatshorizont sehe ich schon rund 50 Basispunkte höhere Zinsen. Das klingt nicht viel, man muss aber bedenken, dass damit ein Zinsentrend ausgelöst wird, der eine Zeit lang nur noch nach oben gerichtet sein wird.

foonds: Ab wann wird/kann sich die Wirtschaft wieder nachhaltig erholen?

Steinemann: Derzeit sieht es so aus, dass sich alle auf eine wirtschaftliche Erholung ab 2010 einstellen. Bis dahin wird es auch wieder zu einer Nomalisierung Risikowahrnehmung kommen.

foonds: Wie sehr lasten die diversen Konjunkturpakete und zum Teil erhöhte Sozialausgaben auf den Budgets der Staaten? Halten die das auf Dauer aus? Wird es zu Ausfällen kommen?

Steinemann: Die Staatsverschuldung ist bereits recht hoch, wird aber in der nächsten Zeit noch weiter steigen - in den USA zum Beispiel auf 100 Prozent (des BIP). Das ist viel, aber es ist auch verkraftbar. Japan wird auf 200 Prozent kommen. Ich bin überzeugt davon, dass die die wichtigen Wirtschaftsnationen das aushalten werde. Wir reden da nicht über Länder wie Island, sondern über Deutschland, Frankreich, etc. So eine hohe Verschuldung hat aber natürlich schon Effekte bei den Ratings oder auch bei den CDS der Versicherungen, wie man gesehen hat.

foonds: Inflation und hohe Staatsverschuldung sind normalerweise Trigger für einen steigenden Goldpreis. Warum ist das diesmal nicht so zu beobachten?

Steinemann: Gut, wir sind nicht Dollar-bullish, das hilft dem Goldpreis. Aber das Vetrauen in die Existenz von Währungen und Ländern ist weitgehend ungebrochen. Daher wird es auch nicht so einen Zulauf in Gold geben. Wenn man sich die Preisentwicklung von Gold anschaut, wird man allerdgins feststellen, dass der Preis generell vom Trend steigender Rohstoffpreise profitiert hat. Und dieser Trend wird nicht verschwinden. Mit der auflebenden Konjunktur werden auch die Rohstoffpreise wieder höher gehen. Daher ist die Downside für den Goldpreis ebenfalls limitiert. Insgesamt rechne ich mit einem leicht positiven Bias für Gold. Insgesamt bieten Gold-Investitionen derzeit aber keine wertschöpfenden Alternativen.

foonds: Der Euro ist im Zuge der Verschuldungen in Diskussion geraten? Wird die Gemeinschaftswährung diese Krise unbeschadet überstehen oder wird der Euro-Währungsraum zerfallen?

Steinemann: Der Euro wird weiter bestehen bleiben. Man muss jedoch auch sagen: Die Diskussion über den Euro ist gut. Aber es gibt nicht einmal einen Exit-Mechanismus für einen Ausstieg aus der Eurozone. Andererseits, wenn man sieht, wie die Euroländer Osteruopa helfen, ist schon anzunehmen, dass man sich auch - wenn es schlimmer kommen würde - gegenseitig unter die Arme greifen würde. Was man aber schon auch sieht, ist, dass sich die Meinung verstärkt hat, dass die Kriterien für einen Euro-Beitritt von den EU-Ländern in Osteuropa erfüllt werden müssen. So gesehen ergibt sich auch hier ein positiver Beitrag der Krise auf die Staatshaushalte in CEE.

foonds: Wir haben an den Aktienmärkten grobe Verluste gesehen. In welchem Status befinden sich die Märkte jetzt und an welchem Punkt der Krise sind wir schon?

Steinemann: Die Aktienmärkte spielen derzeit die Karte, dass sich die Konjunktur ab 2010 wieder erholen wird. Da die Aktienmärkte immer mindestens sechs Monate vorauslaufen, sehen wir jetzt bereits erste Anzeichen dieser vorweggenommenen Erholung. Die aktuelle Hausse an den Aktienmärkten und den Unternehmens- anleihen dürfte unter hoher Volatilität durchaus noch längere Zeit anhalten. Die Gewinnerwartungen der Analysten scheinen aber bereits zu tief zu sein. Die meisten Anleger sind noch nicht in die Märkte zurückgekehrt, da ihr Misstrauen noch zu groß ist. Dagegen steigt der Druck auf die professionellen Anleger, jetzt investieren zu müssen. Das wird dann den Sog auf die so genannten Kleinanleger initiieren. Von einer Rückkehr zu der dramatischen Lage in den 30er-Jahren sind wir weit genug entfernt. Jetzt heißt es, sich auf eine Phase von rund 10 bis 20 Monaten einzustellen, die von Auf- und Abwärtsbewegungen gezeichnet sein wird. Danach geht es wieder bergauf. Unternehmer und Anleger sollten die Zeit nutzen, sich richtig zu positionieren, um dann den Aufschwung voll mitzunehmen."

foonds: Was ist von Seiten der Unternehmen für heuer noch zu erwarten? Wie tief werden die Gewinne noch fallen?

Steinemann: Wir werden in den nächsten Monaten/Quartralen sicher noch viele schlechte Nachrichten hören. Aber seien wir uns ehrlich: Wen interessiert noch 2009? Das Jahr ist abheakt, das wird schlecht sein, das wissen alle. Niemand interessiert sich mehr dafür. Die Frage ist jetzt einzig und alleine: Wird es eine Erholung geben oder nicht. Wir sind schon davon überzeugt.

Interview: Peter R. Nestler

Aus dem Börse Express vom 15.5.2009
Abos unter http://www.boerse-express.com/


 
 

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