In der deutschen Qualitätspresse und in der Wirtschaftspresse haben sich in letzter Zeit Kommentare und Artikel gehäuft, die die Sinnhaftigkeit von Goldreserven für das Geldsystem in Frage gestellt haben. Der aktuelle Anlass liegt darin begründet, dass der öffentliche Druck in diesem Jahr stark zugenommen hat, endlich einmal Klarheit zu schaffen, was die deutschen Goldreserven anbelangt. Die Bundesbank besitzt rund 3400 Tonnen Gold und ist damit laut offiziellen Zahlen nach den USA der größte Besitzer von Gold. Im Gegensatz zu Großbritannien, Österreich und der Schweiz, aber auch noch einigen anderen europäischen Ländern, ist die Bundesbank nicht den Lockrufen über die Sinnlosigkeit von Goldreserven erlegen und hat ihre Goldbestände in den 90er Jahren nicht reduziert.
Allerdings war bis vor kurzem streng gehütetes Geheimnis, wo die Goldbarren lagern. Inzwischen wurde von der Bundesbank eine Aufschlüsselung nach Lagerstätten genannt, der Großteil von 1546t liegt bei der New Yorker Federal Reserve (nicht in Fort Knox, wie fälschlicherweise oft zu hören ist). Entstanden sind die Goldreserven aus Außenhandelsüberschüssen mit den USA in den 1950er und 60er Jahren, die – wie bis 1971 möglich – von Dollarguthaben in Gold getauscht wurden. Doch bestehen schon seit langem Zweifel, ob diese Bestände wirklich noch existieren, sei es, dass sie von den Lagerhaltern heimlich verkauft wurden, sei es, dass sie verliehen wurden oder mehreren Eigentümern zugeordnet sind. Eine physische Bestandsaufnahme vor Ort wurde nie vorgenommen, was jeglichen Grundsätzen ordnungsmäßiger Bilanzierung widerspricht, sondern man hat sich stets nur auf die Bestätigung der Lagerhalter berufen. Inzwischen ist auch der Bundesrechnungshof aktiv geworden und verlangt eine Überprüfung der Goldbestände. Zudem will die Bundesbank jährlich einen kleinen Teil der Goldbarren heimholen (150 Tonnen in drei Jahren, was Silberjunge Thorsten Schulte zurecht als Aktion bezeichnet, über die man spotten müsse). All das scheint zu einiger Nervosität zu führen, weshalb zuletzt Kommentare erschienen, in der leicht durchschaubaren Absicht, hier Nebelkerzen zu zünden, „um eine Diskussion über mögliche Verleihungen des Bundesbankgoldes im Keim zu ersticken“ (Schulte).
Zu dieser Entwicklung befragten wir Peter Boehringer, Vorstand der Deutschen Edelmetallgesellschaft und Mitinitiator der Initiative „Holt unser Gold heim“ (http://www.gold-action.de ):
BE: Herr Boehringer, bei einigen Medien, die sich dem Qualitäts- bzw. Wirtschaftsjournalismus zurechnen, erscheinen seit ca. zwei Wochen Artikel, Kommentare und Gastkommentare über Gold, die man nach Meinung von Goldexperten besser, statt sie zu veröffentlichen, gleich im Papierkorb entsorgen hätte müssen. Kurz gefasst lautet die Aussage, Gold sei wertlos, die Goldbarren der Bundesbank in New York solle man besser ins Meer werfen als sie nachzuzählen oder heimzuholen. Was ist los?
Boehringer: Zu immerhin vier der von Ihnen genannten "Qualitäts"-Artikeln der "Qualitätspresse" habe ich ja recht schnell nach Erscheinen direkt im Blog Stellung genommen. Bitte lesen Sie diese nach: http://www.goldseitenblog.com/ und http://www.goldseitenblog.com/ . Es gäbe noch mehr inkompetente oder mit Schaum vor dem Mund oder vulgärkeynesianisch geschriebene Artikel im „Mainstream“. Aber ich habe es mal bei diesen beiden Reaktions-Artikeln belassen. Man muss ja nicht alles per Reaktion aufwerten.
BE: Was sollen solche Artikel überhaupt bewirken? Wenn man die Leserkommentare analysiert, stoßen diese Schreibereien auf ziemlichen Gegenwind und werden eher zur Blamage für das sie veröffentlichende Medium.
Boehringer: Da kann ich Ihnen nur völlig recht geben. Das richtet sich weitgehend selbst. Und zu all diesen Artikeln sind die Kommentare auf den zugehörigen online-Seiten des Mainstreams und auch in den Print-Leserbriefen zu 90+% (!) negativ, z.T. erfüllt von berechtigtem, beißenden Spott der Leser. Es herrscht eine komplette Divergenz zwischen Redaktionsmeinung und Lesermeinung! Die Frage, was das bewirken soll, kann ich nur so beantworten, dass offenbar bei Bundesbank und bei Systempresse die Nerven blank liegen nach dem öffentlichen Druck, den zuerst wir und dann der Bundesrechnungshof aufgebaut haben. Jede ernsthafte Inventur oder gar Heimholung der Goldreserven soll verhindert werden - und offenbar sogar schon die Debatte darum. Das sollen solche Artikel bewirken - ich bin aber angesichts der Kommentar-Häme gegen diese Artikel der Meinung, dass dieser Schuss komplett nach hinten losgegangen ist. Man hat keine sachlichen Gegenargumente gegen unsere Inventurforderungen (einfach und berechtigt und seit 3/2012 hier ausformuliert http://www.gold-action.de , dort auch im Briefwechsel mit der Bundesbank: http://www.gold-action.de/ ) - also bleibt nur Polemik. Der öffentliche Druck soll mit absurden „Argumenten“ und über die Deutungshoheit der massenmedialen Medienübermacht bekämpft werden. Siehe dazu auch die Diskussionen und meine weiteren Kommentare unter den beiden oben verlinkten Goldseitenblog-Artikeln.
BE: Das Niveau der meisten dieser Artikel bewegt sich in etwa auf der Höhe von „Gold kann man nicht essen und es bringt keine Zinsen!“ Zudem werden auch noch historische und wirtschaftliche Falschaussagen getätigt, ist der deutsche Wirtschaftsjournalismus so weit gesunken?
Boehringer: Ich kann Ihre Frage nur mit "Ja" beantworten. Die einzige offene Frage ist, ob ausgerechnet intelligente und informierte Journalisten wirklich so abgrundtief verblendet sind, dass sie Common Sense und geschichtliche Fakten zugunsten von peinlicher und faktisch falscher Kampfrhetorik vergessen. Oder ob sie nicht doch einen „Auftrag" von oben haben. Und wer dann ggf. „oben" ist (Bundesbank, andere?). Unsere Initiative hält sich jedoch aus der Frage der Motivation der Bundesbank für die Nicht-Inventur konsequent heraus. Ich habe von den 80 prominenten Erstzeichnern und von den 12.000 Mitzeichnern kein Mandat für solche Spekulation. Wir wissen nur und behaupten auch weiterhin, dass die Bundesbank eine PFLICHT zur Gesetzestreue (u.a. HGB 241, Inventurpflicht) und zum treusorgenden Umgang mit Volksvermögen hat, dem sie unseres Erachtens seit Jahrzehnten nur ungenügend nachkommt. Das ist in Zeiten, in denen schon 15% Ausbuchung der Target2-Forderungen (gleiche Bundesbank-Bilanzseite wie das Bundesbank-Gold) dieses Gold buchhalterisch vernichten könnte, inakzeptabel.
BE: Sehen Sie die Ankündigungen der Bundesbank, ein paar Prozent der Barren heimzuholen und einzuschmelzen, als Erfolg für die Aktion „Holt das Gold heim“ oder ist das nur ein billiges Ablenkungsmanöver (es ist ja nicht schwierig, ein paar einwandfreie Barren über den Atlantik zu transportieren, was beweist das schon für den Rest?
Boehringer: Wir sehen ein paar Erfolge unserer Aktion (insbesondere die sensationelle, erstmalige Erklärung der Bundesbank/Vorstand Thiele vom 24.10.2012 zum Verbleib der Bundesbank-Goldbestände an den ausländischen und inländischen Lagerorten). Auch der Bericht des Rechnungshofs und die Audit- und Heimholungsankündigungen wären ohne unsere Initiative so nicht gekommen, nachdem zuvor jahrzehntelang nichts geschehen war. Trotzdem sind unsere Forderungen selbstredend weiterhin nicht erfüllt. Das ganze Thema bleibt auf der Agenda, die Bundesbank will nur Zeit gewinnen mit „Heimholungsaktionen", die in 50 Jahren beendet sind, wenn man mit 50t pro Jahr nun loslegt. Zudem fordern wir weiterhin auch für in Deutschland lagernde Bestände einen physischen Vollaudit anhand der zu veröffentlichenden Barrenlisten! Auch Gold in Deutschland muss sauber auditiert sein. Die Barrennummern sind ZWINGEND zu veröffentlichen! Das kann kein Staatsgeheimnis sein.
BE: Man konnte inzwischen in Blogs auch die Vermutung lesen (bzw. dass Insider dieser Meinung seien), die deutschen Goldbarren könnten mit Wolfram verfälscht sein. Aber wozu sollte man sich diesen Aufwand antun, wenn sie ohnehin nicht wirklich überprüft bzw. gezählt werden?
Boehringer: Ich muss leider sagen, dass hier ganz regelmäßig wild spekuliert wird. Ich teile die Wolfram-Behauptungen nicht - und selbst wenn ich sie teilen würde, könnte sie niemand belegen. Für wahrscheinlicher halten wir Doppel-Eigentümerschaften bei ein und demselben Zentralbank-Barren, was natürlich auch illegal wäre. Aber auch das ist angesichts der chronisch intransparenten Zentralbank-Bilanzierungen, die absurderweise zwischen „Gold“ und „Goldforderungen“ nicht differenzieren, nicht belegbar. Genau darum unsere Forderungen nach sauberer physischer Inventur und Veröffentlichung der eineindeutigen Barrennummern des deutschen Goldes! Die manchmal zitierten Wolfram- und Verleihungs-„Insider" können ihre Vermutungen leider alle nicht belegen. Wir machen bei diesen Spekulationen nicht mit, sondern fordern schlicht die völlig selbstverständliche (!) Inventur von 135 Mrd. EUR an Volksvermögen.
BE: Herr Boehringer, danke für das Interview
Das Interview führte Christoph Rohrmoser
weitere LINKS: Erläuterungen zur Goldaktion gibt Peter Boehringer im GoldMoney-Interview http://www.youtube.com/ oder in einem aktuellen Interview anlässlich der Münchner Edelmetallmesse: http://www.youtube.com/
Interview mit Peter Boehringer für BE: http://www.foonds.com/






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