Rohstoffe stehen bei den Investoren derzeit hoch im Kurs. So sind die offenen Kontraktpositionen für die 20 am häufigsten gehandelten US- Rohstoffe im dritten Quartal um 6,6 Prozent auf 10,07 Millionen Kontrakte gestiegen, so stark wie seit 18 Monaten nicht mehr. Ob die Anleger mit ihren Käufen richtig liegen, ist fraglich.
Zwar zeichnet sich in den USA eine Konjunkturerholung ab. Ökonomen gehen laut einer Umfrage von Bloomberg News davon aus, dass die US-Wirtschaft im dritten Quartal um 2,9 Prozent gewachsen ist, die erste Expansion seit über einem Jahr. Aber das Angebot an Rohstoffen wächst stärker als die Nachfrage. Während die Lagervorräte an Rohstoffen steigen, sinken die Frachtraten. So haben die Ölbestände in den letzten zwölf Monaten um 15 Prozent zugenommen. Hingegen hat der Baltic Dry Index, ein Barometer für die Rohstoffnachfrage, im dritten Quartal um 41 Prozent nachgegeben. Diese Entwicklungen sprechen dafür, dass die Preise wohl bald fallen dürften.
“Wir sind bei Rohstoffpositionen ausgestiegen und haben die Barpositionen erhöht”, berichtet Peter Sorrentino, Fondsmanger bei Huntington Asset Advisors, der den Preisrückgang bei Rohstoffen im vergangenen Jahr korrekt prognostiziert hat. “Die Leute waren so begeistert, dass das Wirtschaftswachstum zurückkehrt. Aber jetzt ist sich keiner mehr so sicher, wie stark die Dynamik der Erholung sein wird.” Im September fiel ein vom Journal of Commerce erstellter Index für Industrierohstoffe erstmals seit sechs Monaten; er gab 0,5 Prozent nach.
Eine längere weltweite Abschwächung würde bedeuten, dass die Preisanstiege von 90 Prozent bei Kupfer und von 57 Prozent bei Öl im Jahr 2009 ein Strohfeuer gewesen wäre, erklärte der Internationale Währungsfonds (IWF) am 1. Oktober.
Die Anleger pumpten in diesem Jahr 10,2 Mrd. Dollar in Rohstofffonds, sechsmal mehr als ein Jahr zuvor, berichtet das Analysehaus EPFR Global. Positiv stimmten sie die Anzeichen, dass die Rezession größtenteils überstanden sei. Preistreibend wirkten auch Bedenken, dass die Inflation anziehen werde sowie Erwartungen, dass der Dollar nachgibt. Der Greenback hat seit März gegenüber dem Euro 9,1 Prozent verloren.
“Die Rohstoffe werden mit der Dollar-Schwäche nach oben gehen”, erwartet Michael K. Smith, Präsident von T&K Futures & Options. “In den 16 Jahren, in denen ich im Rohstoffhandel tätig bin, war der Dollar der beste Indikator. Wenn er auf neue Tiefs fällt, werden alle diese Rohstoffe sich nach oben bewegen.” Auch dürften die ausufernden US-Staatsschulden Rohstoffe als Absicherung gegen die Inflation attraktiver machen, erwartet Smith.
Einige der größten Rohstoffkonsumenten sind hingegen der Ansicht, die Rohstoffpreise seien zu stark gestiegen. DuPont Co., der drittgröße Chemiekonzern in den USA, warnte kürzlich vor übertriebenem Optimismus über das Tempo einer weltweiten Konjunkturerholung. Der US-Stahlproduzent Nucor Corp. sieht nur eine geringe Verbesserung der realen Nachfrage. Es herrsche immer noch große Unsicherheit über die Konjunkturentwicklung.
Öl werde im vierten Quartal bei durchschnittlich 65,50 Dollar je Barrel notieren, lautet die Medianprognose von Analysten aus einer Bloomberg-Umfrage. Das läge 4 Prozent unter dem Preis am 30. September. Den Kupferpreis sehen sie bei durchschnittlich 2,10 Dollar je Pound, was 22 Prozent unter dem Schlusskurs von 2,6815 vom 2. Oktober wäre.
Der IWF warnt, dass kräftige Anstiege bei den Rohstoffpreisen wie Ende 2007 und im ersten Halbjahr 2008 noch Jahre auf sich warten lassen. “Die Stärke der Nachfrage hängt vom Zeitplan und der Dynamik einer weltweiten Konjunkturerholung ab”, so die Organisation. “Sollte die Erholung sich verzögern oder flau ausfallen, werden die Rohstoffpreise nur langsam anziehen.”
“Wir haben bei der Rezession wohl den Tiefpunkt hinter uns. Aber es gibt keine V-förmige Erholung, wie erhofft wurde”, sagt William O’Neill, Partner bei Logic Advisors. Er hatte im September 2008 korrekt den ersten Jahresrückgang beim Kupferpreis seit 2001 prognostiziert. “Der Markt hat für dieses Jahr eindeutig den Gipfel erreicht.” (Bloomberg)


