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"Die Liquiditätskanonen werden scharf gemacht"   Facebook be



16.10.2012
 

Kommentar von Mark Mobius, Executive Chairman, Templeton Emerging Markets Group

Für die Weltwirtschaft gilt oft das Dominoprinzip. Wenn ein Stein kippt, fallen auch andere. Dieses Jahr hatten schwaches Wirtschaftswachstum und hohe Schuldenberge etlicher Industrieländer einen Dominoeffekt auf Schwellenmärkte. Viele Anleger verloren Vertrauen in beide Regionen. Die Zentralbanken reagierten mit Impulsen fürs Wirtschaftswachstum und machten die Liquiditätskanonen scharf. Kurzfristig zeigen solche Massnahmen von Industrieländern möglicherweise positive Folgeeffekte auf Schwellenmärkte. Langfristig könnten sie jedoch eher negative elementare Veränderungen bewirken – durch Inflation.

Im September kündigte die Europäische Zentralbank (EZB) ein „unbegrenztes“ Programm zum Aufkauf von Anleihen an (offiziell „Outright Monetary Transactions“), um den Euro heil durch die Schuldenkrise zu bringen.
Europa erlebt einen historischen Wandel, der sich nach Ansicht unseres Teams künftig positiv auf die Weltwirtschaft auswirken könnte. Die Rolle der Regierungen in vielen europäischen Volkswirtschaften verändert sich gerade grundlegend. Die Menschen stellen allmählich die bisherige Dominanz vieler europäischer Regierungen infrage – vor allem in Bezug auf Sozialausgaben.

Viele europäische Staatschefs haben erkannt, dass sie nicht weiter so viel Geld ausgeben und Defizite anhäufen können. Ausserdem setzt sich die Erkenntnis durch, dass auch staatliche Einschränkungen und Barrieren für die Privatwirtschaft in manchen Fällen hinderlich sind. Im Zuge dieser Debatte wird es meines Erachtens zu Reformen der Reformen kommen.

Die Privatisierung von Staatsbetrieben ist ein Bereich, der meiner Ansicht nach das Wirtschaftswachstum anregen und Europa auf lange Sicht wohlhabender machen könnte. Das geht jedoch nicht von heute auf morgen, und es gibt viele, die ihre Besitzstände wahren möchten. Nach meiner Auffassung sollte der Trend aber eindeutig zu Reformen gehen, die zu einem politisch und wirtschaftlich einheitlicheren, stärkeren Europa führen.

Während in Europa solche Debatten stattfinden, schieben die USA den Abbau ihrer Schulden offenbar bis nach den Wahlen im November auf. Um die Wirtschaft anzukurbeln und gleichzeitig Vertrauen wiederherzustellen, kündigte die US-Notenbank Federal Reserve („Fed“) den Aufkauf hypothekenbesicherter Wertpapiere für 40 Mrd. US-Dollar pro Monat auf dem offenen Markt an – die dritte Runde des quantitativen Lockerungsprogramms („QE3“).

„QE3“, „QE4“ oder wie es auch genannt wird – die Fed dürfte meines Erachtens weiter Geld in den Markt pumpen, bis die US-Arbeitslosenquote sichtlich nachgibt, die im August bei 8,1% lag. Bis es soweit ist, könnten wir vermutlich genauso gut von „QE-wie-auch-immer“ sprechen. Voraussetzung dafür sind meiner Meinung nach ohnehin verschiedene Änderungen und Reformen – auch in Bezug auf die US-Steuerstruktur. Nach dem Dominogrundsatz könnte das bedeuten, dass die Fed mit der Europäischen Zentralbank, der Bank of Japan und anderen Notenbanken, die ihre Volkswirtschaften stimulieren wollen, weiter die Liquiditätsspritze ansetzt. Ich sehe darin mögliche Vorteile für Schwellenmarktinvestoren – zumindest kurzfristig. Neben vielen Industrieländern litten auch zahlreiche Schwellenländer in diesem Jahr unter abflauendem Wachstum und die Investoren zögerten, Kapital auf – zu Recht oder zu Unrecht – als „riskant“ erachtete Märkte zu lenken. Die Entwicklungen der letzten Jahre in Industrieländern haben gezeigt, dass kein Markt risikolos ist.

Doch die Milliarden, die ins Finanzsystem geschwemmt werden, werden meiner Erwartung nach nicht alle in Anlagen fliessen, die viele Investoren für „sichere Häfen“ halten, wie US-Schatzpapiere und andere Staatsanleihen. Derzeit ist viel Liquidität im System und ich rechne generell mit Zuflüssen von institutionellem Anlagekapital in Aktien. Manche dieser Kapitalströme landen womöglich auf Schwellen- und Grenzmärkten, vor allem wenn das Vertrauen in Europa – und in die Weltwirtschaft – wächst.

Angesichts der Liquiditätsflut halte ich langfristig die Inflation für die grösste Bedrohung, der wir uns bewusst werden sollten. Das gilt für Industrie- und Schwellenländer gleichermassen, obwohl Schwellenmärkte in der Regel stärkere negative Effekte spüren. Dort ist ein grösserer Teil der Bevölkerung einkommensschwach, sodass höhere Preise für Dinge des täglichen Bedarfs wie Lebensmittel und Brennstoff schwerer zu verkraften sind. Inflationseffekte lassen sich unter anderem durch Produktivitätssteigerungen abfedern. Dafür muss die Rolle des Staates meines Erachtens in vielen Ländern beschnitten werden. Warum? Weil die Produktivität oft geringer ist, wenn der Staat Unternehmen führt.

Die starke Lockerung der Währungspolitik und die potenzielle Inflationsgefahr machen es mir als Investor zur Aufgabe, einzelne Unternehmen in Ländern ausfindig zu machen, die auch angesichts solcher Herausforderungen bestehen oder gar florieren können. Und wenn ich eines weiss, dann, dass es in jedem Konjunkturzyklus irgendwo potenzielle Chancen gibt.


 
 

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