Es ist DER Pflichttermin Ende August für alle Notenbanker, die mitreden wollen und etwas auf sich halten: Immer in den letzten Sommertagen treffen sich die mächtigsten Zentralbanker der Welt in der Abgeschiedenheit der Rocky Mountains und reden über die Finanz- und Wirtschaftsprobleme in ihren Heimatländern und ihre Ideen, wie Krisen zu lösen und Zinsen zu setzen sind. So manche geldpolitische Handfeuerwaffe soll bei Spaziergängen auf den vielen einsamen Waldwegen rund Jackson Hole, dem Austragungsort des Spektakels, schon ersonnen worden sein. Seit 35 Jahren geht das nun so - Geheimniskrämereien und Legendenbildung inklusive.
In diesem Jahr geht es um eine auf den ersten Blick einfache und doch so schwierige und für die Weltwirtschaft entscheidende Fragen: Wann gehen Federal Reserve und Europäische Zentralbank (EZB) das nächste Mal in die Vollen und schaffen neue Milliarden Dollars und Euros um die seit Jahren andauernde Misere in den USA und Europa endlich in den Griff zu kriegen. Zunächst wird Fed-Chef Bern Bernanke der "Bruderschaft der Notenbanker", wie Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet seinesgleichen einst nannte, seine Sicht der Dinge verraten. Danach hat Trichets Nachfolger Mario Draghi erstmals als oberster Hüter des Euro die Chance, aus der tiefsten US-Provinz die Börsen in New York, London, Tokio, Frankfurt und anderswo auf der Welt zum Beben zu bringen.
Doch ob sich Bernanke und Draghi und Japans Notenbankchef Masaaki Shirakawa, der Bank-of-England-Gouverneur Mervyn King oder Bundesbank-Präsident Jens Weidmann in die Karten schauen lassen werden, bleibt abzuwarten. Patrick Franke, Ökonom bei der Helaba, rechnet damit, "dass Hoffungen, Bernanke würde bereits konkret ein neues Kaufprogramm der Fed ankündigen, enttäuscht werden".
Vor zwei Jahren hatte der Fed-Chef die Bühne Jackson Hole allerdings genutzt, das zweite grosse Kaufprogramm der Fed anzukündigen. Doch genau wie Franke rechnet Analyst Bernd Weidensteiner von der Commerzbank dieses mal nicht mit einer solch spektakulären Volte: "Bernanke wird wahrscheinlich keinen grossen Wink geben, schliesslich tagt der Offenmarktausschuss der Fed zwei Wochen nach Jackson Hole und bis dahin liegen noch eine ganze Reihe wichtiger Datenveröffentlichungen, die den Kurs der Zentralbank bestimmen können, etwa der Arbeitsmarktbericht am 7. September."
Tags zuvor wird wiederum Draghi wohl in Frankfurt verkündet haben, worauf die Finanzwelt seit einigen Wochen mit grösster Spannung wartet: seinen Masterplan zur Lösung der Krise der Euro-Zone mit Unterstützung der Notenpresse - also das neue Kaufprogramm für Staatsanleihen überschuldeter Euro-Länder mit dem Ziel der Rettung des angezählten Euro - "was immer dazu nötig ist" (Zitat Draghi).
Dann heisst es Zittern bis das Bundesverfassungsgericht am 12. September sein Urteil über den dauerhaften Rettungsschirm ESM gesprochen haben wird. Der Richterspruch im beschaulichen Karlsruhe wird Weltpolitik machen und auch in Washington für Gesprächsstoff und entweder hektische Betriebsamkeit oder aber entspanntere Gesichter sorgen. In der US-Kapitale sitzen dann schon wieder die wichtigsten Notenbanker der Fed zusammen und reden ihrerseits über dritte Geldspritzen für die US-Wirtschaft - im Fachjargon QE3 genannt.
Am 13. September muss Bernanke dann spätestens Farbe bekennen. Er kennt dann das ganze Bild der Krise - in seiner Heimat und im fernen Europa, dem mit weitem Abstand grössten "externen Risiko", wie Commerzbanker Weidensteiner die Welt aus Sicht Bernankes in trockener Fachsprache beschreibt. Ob er die Option QE3 zieht, wie es die Finanzmärkte herbeisehnen und manche Bankvolkswirte herbeireden wollen, wird sich weisen. Denkbar scheint auch, dass der schmächtige ehemalige Professor noch abwartet, da sich zuletzt eine Besserung der Konjunktur zwischen New Orleans und Chicago andeutete.
Das atemberaubend schöne Tal von Jackson Hole ist dann längst wieder in einen beschaulichen Tiefschlaf gefallen. Zur Legende dieses für die Weltwirtschaft so bedeutenden Ortes dürfte jedoch beitragen, dass Bernanke, Draghi, Weidmann & Co. auf ihren Spaziergängen in tiefen Wäldern mit Sicherheit über gemeinsame Notmassnahmen gesprochen haben werden für den Fall der Fälle. Vielleicht einigen sie sich ja fernab der grossen Finanz- und Machtzentren darauf, was bei einer neuen, nicht auszuschliessenden Eskalation der Finanz- und Schuldenkrise für die Zentralbanken zu tun ist. Es wäre zu hoffen.
(APA/Reuters)






DNB
Vontobel
weiterlesen