Die Euro-Krise verdüstert nach Ansicht der britischen Notenbank die Wachstumsaussichten Grossbritanniens beträchtlich. "Wir sind in rauer See und Sturmwolken ziehen weiter von der Euro-Zone herüber", warnte Notenbankchef Mervyn King am Mittwoch nach der Vorlage des vierteljährlichen Inflationsberichts. Darin bezeichnet die Bank of England (BoE) den Ausblick für das Wachstum als "ungewöhnlich unsicher". Neben der Euro-Krise dämpft nach Ansicht der Notenbank auch der scharfe Sparkurs der mit internen Querelen kämpfenden Regierung von Premier David Cameron die gesamtwirtschaftliche Nachfrage.
Mittelfristig veranschlagt die BoE für das Wirtschaftswachstum im übernächsten Jahr lediglich ein Plus von rund zwei Prozent. In ihrer Mai-Schätzung hatten sie noch 2,67 Prozent vorhergesagt. Kurzfristig sehen die Zentralbanker hingegen eine leichte Aufwärtstendenz für die in der Rezession steckenden britischen Wirtschaft, die noch immer unter den Nachwehen der Weltfinanzkrise leidet. Die Wirtschaftsleistung brach im Frühjahr so stark ein wie seit dem Höhepunkt der Rezession Anfang 2009 nicht mehr. Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte zwischen April und Juni um 0,7 Prozent zum Vorquartal und damit zum dritten Mal in Folge.
Die Zentralbank hatte Anfang Juli beschlossen, ihr Anleihenankaufprogramm um 50 Mrd. auf 375 Mrd. Pfund (473 Mrd. Euro) auszudehnen und damit der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen: "Dazu sind sie bestens geeignet. Sie pumpen Geld in die Wirtschaft und das wirkt", sagte King. Zudem erhofft sich die BoE Impulse von der höheren Kaufkraft der Briten, da der nachlassende Preisdruck das Portemonnaie der Verbraucher entlastet.
Im Juni lag die Inflationsrate bei 2,4 Prozent und nähert sich damit dem Zielwert der BoE von zwei Prozent an. Im September 2011 hatten die Verbraucher mit 5,2 Prozent ein Drei-Jahreshoch der Teuerung verkraften müssen. Mittelfristig müssen die Bürger laut Notenbank keine Rückkehr der Inflationsgefahr fürchten: Binnen zwei Jahren wird sich die Teuerungsrate gemäss der Projektion der BoE auf einen Wert von 1,7 Prozent einpendeln.
Die Sparpolitik der Regierung wirkt jedoch als Bremse für die Konjunktur: Die konservativ-liberale Koalition von Premierminister David Cameron hat das Arbeitspensum ihrer auf fünf Jahre angelegten Konsolidierungspolitik noch lange nicht abgearbeitet. Zugleich knirscht es derzeit bedenklich zwischen den Regierungsparteien, da die Liberaldemokraten ihr Lieblingsprojekt einer Oberhaus-Reform nicht gegen Cameron durchsetzen konnten. Nun drohen sie dem konservativen Regierungspartner mit Widerstand gegen dessen geplante Wahlkreisreform. Ohne die Änderung der Wahlbezirke könnten die Wiederwahlchancen Camerons im Jahr 2015 sinken.
Das Koalitionsklima in London ist nun belastet. Der Chef der Liberaldemokraten, Nick Clegg, will die Regierung zwar nicht platzen lassen. Er wirft Cameron jedoch offen einen Bruch des Koalitionsvertrags vor. Der Premier hatte die Reform des Oberhauses blockierte, dessen Vertreter nach Cleggs Vorstellungen nicht mehr ernannt, sondern gewählt werden sollten.






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