Die Wunschliste träumerisch veranlagter Anleger liest sich kurz: Man möchte einfach nur wissen, wie genau sich die Aktienmärkte zukünftig entwickeln werden. Das hat zwar mit der Realität nichts zu tun – dennoch verfolgen alle Analysen oder technische Indikatoren und viele Marktkommentare das Ziel, eine korrekte Vorhersage auf die zukünftige Kursentwicklung machen zu können. Die oft zitierte Call-Put-Ratio, die börsentäglich auf der Zertifikate-Website von HSBC Trinkaus veröffentlicht wird, ist so ein Indikator. Wenn man es genau nimmt, handelt es sich um einen so genannten „Kontraindikator“.
Denn es heisst, dass die Mehrheit der privaten Anleger falsch liegt, und man daher die Erkenntnisse des Indikators nutzen könne, um sich entgegengesetzt zur Mehrheit zu positionieren. Dieser These ging HSBC Trinkaus mit einer empirischen Untersuchung auf den Grund.
Anleger liegen falsch
Bereits im Mai 2011 wurde in der Marktbeobachtung über eine ähnliche Untersuchung berichtet, die damals in Kooperation mit Scoach stattfand. Das Ergebnis war eindeutig. Es liess sich belegen, dass eine Interpretation als Kontraindikator für die Call-Put-Ratio in der Rückschau oft funktioniert hatte:
In knapp 78% der Fälle war der DAX am Ende seines Handelstages gestiegen, wenn die Mehrheit der Anleger Puts gekauft hatte; er war in rund 76% der Fälle gefallen, wenn die Mehrheit Calls gekauft hatte. Diese Aussagen trafen umso deutlicher zu, je höher der Überhang in die eine oder andere Richtung ausfiel.
Erweiterte Datenbasis Und auch die aktuelle Untersuchung bestätigt die damaligen Ergebnisse fast exakt, sogar auf nunmehr deutlich erweiterter Datenbasis. In rund 76% der Fälle konnte bei taggleicher Betrachtung die Funktion als Kontraindikator nachgewiesen werden. Betrachtet man nur die Überhänge – wenn beispielsweise mehr als 60% aller Wertpapierkäufe im Untersuchungszeitraum auf Calls oder auf Puts entfielen – verringert sich zwar zwangsläufig die Anzahl der Treffer (auf 410 Fälle), aber die Zuverlässigkeit als Kontraindikator steigt bei Calls (86%) und Puts (94%) sprunghaft an. Wird die Call-Put-Ratio auf 70% erhöht, kommt der gegenläufige Effekt zum Anlegerverhalten noch stärker zum Vorschein. Anleger, die in diesem Szenario auf einen steigenden Index spekuliert hatten, lagen in 60 von 63 Fällen (95%) falsch. An Tagen, an denen mindestens 70% der Anleger eine Put-Position eingingen, stieg der DAX gar in 82 von 84 beobachteten Fällen (98%). Diese Auswertungen beziehen sich jedoch nur auf die rückwärtige Betrachtung („ex post“). Sie kann Anleger durchaus eine kritische Distanz gegenüber dem Verhalten anderer Marktteilnehmer lehren.
Und natürlich kann die Call-Put-Ratio auch durch die ständigen Aktualisierungen während eines Handelstages Einfluss auf aktuelle Entscheidungen von Anlegern nehmen. Allerdings müssen sich Anleger darüber im Klaren sein, dass an dieser Stelle noch keine Aussage über ein Kursverhalten in der Zukunft möglich ist.
Prognose bleibt schwierig
Genau diese Fragestellung hat das Zertifikateteam ebenfalls untersucht. Um das Ergebnis vorweg zu nehmen: Die Ergebnisse zeigen eine Zufallsverteilung, sodass eine singuläre Prognosefähigkeit des Call-Put-Ratios auf Basis der verwendeten Daten ausgeschlossen werden kann. Bei der Analyse der Prognosefähigkeit wurde der Tagesschlusswert des Call-Put-Ratios mit der DAX-Entwicklung am Folgetag verglichen. Auch hier galt das besondere Augenmerk den Überhängen von Call- und Put-Käufen. Allein bei einem Übergewicht der Put-Käufe konnte bei allen drei Messungen eine minimale Trefferquote als Kontraindikator verzeichnet werden: So stieg der DAX am Folgetag in 56 % der Fällen (221 Handelstage), wenn Anleger mehr als 60% Puts gekauft hatten; er stieg in 61% der Fälle (84 Handelstage), wenn Anleger mehr als 70% Puts gekauft hatten; und er stieg erneut in 56% der Fälle (18 Handelstage), wenn Anleger mehr als 80% Puts gekauft hatten. Für HSBC Trinkaus reichen diese Ergebnisse jedoch „nicht aus, um daraus zutreffende Prognosen und eine daraus resultierende, erfolgreiche Handelssystematik abzuleiten“. Gleichwohl kann sich natürlich jeder Anleger gemäss seinen eigenen Vorstellungen ein mögliches Signalmodell basteln.
So bezog sich die Untersuchung nicht auf intraday-Daten. Auch längere Zeiträume über mehrere Tage oder Wochen wurden nicht berücksichtigt, denn letztendlich erscheinen solche Ansätze als beliebig und sind daher in ihrer Zahl unbegrenzt. Und natürlich muss die grösste „Untersuchungskritik“ ebenfalls angebracht werden: HSBC Trinkaus hat keinerlei Kenntnisse darüber, ob und wie lange Anleger die gekauften Call- und Put-Produkte halten.
Die Prämissen
Die Studie unterstellt implizit, dass jemand, der ein Hebelprodukt kauft, es auch für die Dauer des jeweiligen Untersuchungszeitraums hält. Das trifft so stringent sicher nicht zu. Da HSBC Trinkaus jedoch nur als Anbieter von Wertpapieren agiert und nicht als Depotbank, liegen schlicht keine (anonymisierten) Daten über die Haltedauer von Derivatekäufern vor.
Dennoch: Die Zuverlässigkeit in der historischen Betrachtung des Call-Put-Ratios liefert eindrückliche Hinweise darauf, dass eine Vielzahl von Anlegern dem Markt entgegengesetzt agiert. Diese Ergebnisse werden schliesslich durch die Daten von Scoach, die sich in der Studie von 2011 auf die DAX-Knock-out-Produkte aller Emittenten bezogen, unterstützt.
HSBC gibt Anlegern noch einen Tipp mit auf den Weg: „Seien Sie also vorsichtig, wenn Sie sich mal wieder wundern, warum Sie Verluste erzielt haben, obwohl doch „alle“ ebenso wie Sie agierten“.






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