„Negative Renditen sind die neue Weltordnung am Anleihemarkt.” sagt Andrew Roberts, Bondanalyst bei der Royal Bank of Scotland in London und spielt auf eine historische Begebung an: Erstmals waren Anleger gestern bereit, für die Investition in eine deutsche Bundesanleihe Geld zu bezahlen. Die Titel mit einer Laufzeit bis Juni 2014 boten eine Rendite von minus 0,06 Prozent, nachdem bei der vorherigen vergleichbaren Auktion noch plus 0,10% erzielt wurden. Trotzdem wurde die zweifach überzeichnete Auktion in jeder Hinsicht als Erfolg eingestuft - sowohl bei der Nachfrage als auch bei der Rendite.
Neu ist das Phänomen aber nicht überall: Minusrenditen gab es zuvor schon bei der Emission der kürzer laufenden Schatzwechsel. Und der exklusive Klub staatlicher Emittenten mit negativer Rendite ist in jüngster Zeit in der Eurozone noch um einige Mitglieder bereichert worden. So haben am Dienstag erstmals Belgien und der EU-Rettungsfonds EFSF für Kurzläufer eine negative Rendite aufgewiesen. Negative Renditen bei Laufzeiten bis zu drei Jahren „wirken auf viele abschreckend“, sagt Peter Chatwell, Analyst bei der Credit Agricole CIB. Dennoch „werden sie nicht als Verkaufsgelegenheit betrachtet“, fügt er hinzu. Denn am Sekundärmarkt gibt es bereits eine ganze Reihe von Ländern der Eurozone, deren zweijährige Titel negativ rentieren: Ausser für Deutschland ist das bei Finnland, den Niederlanden und auch bei uns der Fall. Der Trend zeigt weiter nach unten. Viele Analysten glauben, dass die Europäische Zentralbank (EZB) ihren Einlagenzins bald ebenfalls ins Minus stellen könnte, was weitere Milliarden Euro aus der EZB-Schatulle in die Märkte spülen dürfte.
Dass das derzeitige Phänomen zur Normalität werden könnte, ist naheliegend. Denn um ihr Geld überhaupt nur zurückzuerhalten, sind institutionelle Investoren offenbar zu schmerzhaften Einschnitten bereit, wenn sie vom Gläubiger überzeugt sind. Banken suchen seit der Senkung des Einlagenzinses durch die EZB auf null verzweifelt nach Alternativen. Untereinander will man es sich, mangels Vertrauen, auch nicht leihen. Und selbst wenn, würden ihnen nur Zinsen knapp über null geboten, sagt Alexander Aldilinger, Zinsstratege bei der Commerzbank, was den Zinsvorteil zu sicheren Staatsanleihen stabiler Länder auf nur wenige Basispunkte reduziert. Und das sei ihnen das zusätzliche Risiko nicht wert, fügt Aldilinger hinzu. Versicherer wieder sind durch regulatorische Vorgaben gezwungen, einen bestimmten Portfolio- Anteil in sicheren Staatsanleihen zu halten. Auch viele Investmentfonds haben ihren Kunden versprochen, höchstens einen bestimmten Anteil an Cash zu halten, sind aber derzeit in Barmitteln übergewichtet.
Die Nachfrage nach kurzfristigen Anleihen von als solide geltenden Staaten, wovon es nicht mehr viele gibt, steigt also. Die Anleihenkurse ziehen massiv an. Zurückgezahlt werden die Bonds am Laufzeitende aber zum Nominalkurs von 100. Ist der Kurs so stark darüber gestiegen, dass nicht einmal noch kommende Zinszahlungen den Verlust ausgleichen, ergeben sich eben negative Renditen. (cg)






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