In den Skandal um die Manipulation international bedeutender Zinssätze sind nach Angaben eines hochrangigen britischen Politikers rund ein Dutzend Grossbanken verwickelt. "Weltweit haben sich 10 bis 14 Grossbanken daran beteiligt", sagte der für Finanzmarktregulierung zuständige britische Staatssekretär Mark Hoban dem "Handelsblatt" (Dienstagsausgabe). Die britische Grossbank Barclays sei Auslöser der laufenden Ermittlungen gewesen. Diese hätten ergeben, dass Banken in anderen EU-Ländern, in den USA und Japan ebenfalls beteiligt gewesen seien.
In dem kürzlich bekanntgewordenen Skandal geht es um die Manipulation des britischen Zinssatzes Libor, zu dem in Grossbritannien Banken anderen Instituten Geld leihen, und des europäischen Interbanken-Zinses Euribor (Euro InterBank Offered Rate). Beide Zinssätze sind aber nicht nur für Geschäfte zwischen Banken von grosser Bedeutung. Indirekt hätten Manipulationen auch Einfluss auf Kredite und Spareinlagen, weil deren Zinssätze teils vom Libor und Euribor abhängig oder direkt daran gekoppelt sind.
Schon seit dem vergangenen Jahr wird weltweit wegen vermuteter illegaler Absprachen zwischen den Banken über Libor und Euribor ermittelt. Auch die österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA) hat angekündigt, mögliche Manipulationen beim Euribor zu untersuchen. Daten zur Berechnung des Euribor durch Thomson Reuters liefern insgesamt 43 Banken, darunter auch Erste Bank und Raiffeisen Bank International (RBI) sowie die Bank-Austria-Mutter UniCredit. Mit dem Zustandekommen des Libor haben österreichische Banken nichts zu tun. Erste Bank und RBI haben gegenüber der "Presse" bereits bestritten, dass ihre Institute je manipulierte Daten an die Euribor-Meldestelle geschickt hätten.
Bei Barclays räumten in Folge der Affäre Vorstandschef Bob Diamond und weitere Manager ihren Posten. Die Royal Bank of Scotland entliess bereits vier ihrer Händler wegen ihrer Verwicklung in die Angelegenheit.
Der für die Finanzmarktstabilität zuständige Vize-Chef der britischen Notenbank, Paul Tucker, wies am Montag vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments den Vorwurf der Einflussnahme in der Affäre zurück. Er bestreite den Vorwurf "unumschränkt", Händler von Grossbanken zur Manipulation von Zinssätzen ermutigt zu haben, sagte Tucker vor dem Gremium. Auch habe ihn kein Minister der britischen Regierung gezwungen, Bank-Mitarbeiter zu Zinsmanipulationen zu ermutigen.
Vergangene Woche hatte Barclays schriftliche Aufzeichnungen aus einem Telefongespräch zwischen Ex-Chef Diamond und Tucker veröffentlicht. Diese hatten in der britischen Öffentlichkeit für grosse Verwunderung gesorgt und Fragen über eine mögliche Verwicklung Tuckers aufgeworfen.
Tucker sagte vor dem Ausschuss, die Aufzeichnungen von Ex-Barclays-Chef Diamond gäben "nicht vollständig" und nur ungenau den Inhalt eines Gespräches wieder. Die Passagen, in denen die Banker über den Libor-Satz gesprochen hätten, erweckten "den falschen Eindruck", sagte Tucker.
Den Aufzeichnungen Diamonds zufolge schlug Tucker auf dem Höhepunkt der internationalen Finanzkrise 2008 vor, die Mitteilungen von Barclays an den britischen Bankenverband zur Berechnung des Libor-Satzes könnten niedriger sein als die Zinsen, welche die Bank tatsächlich im Geschäft mit anderen Instituten habe zahlen müssen. Mit niedrigeren Interbanken-Zinsen hätte Barclays nach aussen den Eindruck erwecken können, stabiler dazustehen, als die Bank zu damaligen Zeitpunkt womöglich tatsächlich war. Hohe Zinsen bei Kreditgeschäften sind stets ein Zeichen für ein hohes Risiko beim Schuldner.
APA






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