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Thorsten Schulte

© Thorsten Schulte (Silberjunge)

Thorsten Schulte: Bei Silber kommt das Beste noch   Facebook be



06.07.2012
 
Wenn die nächste Raketenstufe dann gezündet wird, stehen die meisten wieder an der Seitenlinie



Börse-Express befragte den führenden deutschen Silberexperten Thorsten Schulte, Chefredakteur des Silberbriefes www.silberjunge.de , zu seiner aktuellen Einschätzung des Silbermarktes. Viele Anleger verlieren allmählich die Geduld bei Silber, umso wichtiger ist es daher, die längerfristigen Perspektiven nicht aus den Augen zu verlieren.



BE: Herr Schulte, Silber kennt seit nunmehr einem guten Jahr nur mehr eine Richtung: nach unten. Die Anleger verlieren nach und nach die Geduld. Was könnte den Negativtrend stoppen?

Wer die Geschichte des Silberpreises kennt, der wundert sich über deutliche Korrekturen über locker ein oder zwei Jahre in keiner Weise. Nach dem Preishoch von 21,35 US-Dollar am 17. März 2008 fiel der Preis auf 8,46 US-Dollar am 28. Oktober 2008 und das alte Preishoch konnte erst am 24. September 2010 überwunden werden. Am 25. April 2011 stieg es dann auf 49,79 US-Dollar. Es kommt zu einer Art Streckfolter für die Silberinvestoren. Viele wenden sich dann nach starken Korrekturen und einem über lange Zeit enttäuschenden Marktverlauf vom Silber ab. Wenn die nächste Raketenstufe dann gezündet wird, stehen die meisten wieder an der Seitenlinie. Aber was könnte den Negativtrend stoppen? Zum einen sind es die großen geopolitischen Spannungen. Hier sind vor allem Länder wie Iran, Syrien, Pakistan, Afghanistan zu nennen. Wie sicher sind denn die Golfstaaten? Demokratische Herrschaftssysteme kann ich beispielsweise in Saudi-Arabien unter einem greisen und kranken König nicht erkennen? Die gesamte Region gleicht einem Pulverfass. Aber schauen Sie sich auch die Situation in Ägypten an. All diese Spannungsherde können sich fürchterlich entladen. Gold und Silber wären dann ganz schnell wieder ein Rettungsboot für viele Investoren.


BE: Wie sehen Sie die Weltwirtschaft

Auch die Weltwirtschaft bereitet mir Sorgen. Seit Mitte 2011 habe ich meinen Lesern gesagt, dass ich meinen in den Jahren 2009 und 2010 offen zur Schau gestellten Optimismus begraben muss. Heute zeigen uns die Frühindikatoren auch für Asien, die Schwellenländer insgesamt und erst recht für die westliche Hemisphäre keinen Grund für Euphorie. Im Gegenteil! Da nun nicht mehr nur die Banken, sondern auch die Staaten hoch verschuldet sind, können neue große Konjunkturpakete anders als 2009 nicht mehr aufgelegt werden. Bleiben nur noch die Zentralbanken als „Retter der letzten Instanz“. Das wird wohl kaum gut ausgehen!


BE: Silber ist angeblich knapp, allerdings revidiert das USGS den Bestand jedes Jahr nach oben, sodass sich das Ende des Silbers ständig verschiebt. Ist vielleicht Silber weit weniger knapp als gehofft oder befürchtet?

Die abbaubaren Reserven werden jetzt mit 530.000 Tonnen angegeben nach 510.000 Tonnen im Jahr zu vor. Auch beim Gold werden per Ende 2011 51.000 Tonnen genannt und nicht mehr 42.000 Tonnen wie 2007. Wenn die Preise stark steigen, lässt sich natürlich mehr Gold und Silber wirtschaftlich gewinnen. Aber richten wir doch unseren Blick auf das bislang geförderte Silber und vergleichen dies mit Gold. Zwischen 1900 und 2011 ist nach den von Ihnen zitierten Quellen rund 8,3-mal so viel Silber im Vergleich zu Gold gefördert worden. Im Jahre 2011 lag dieser Wert beim 8,8-fachen und damit auf dem niedrigsten Stand seit 2006. Dies spricht alles in keiner Weise für Gold und gegen Silber. Der Marktwert allen geförderten Goldes liegt Anfang Juli 2012 bei rund 8,8 Billionen USD (8.800 Milliarden) und der des Silbers gerade einmal bei 1,4 Billionen USD (1.416 Milliarden), wovon fast die Hälfte im Gegensatz zum Gold verlorengegangen ist. Selbst bei großzügigen Annahmen dürfte der Marktwert der oberirdischen Bestände in Form von Münzen und Barren 80 Milliarden Dollar nicht überschreiten. Dies ist geradezu eine Winzigkeit im Vergleich zu den aufgeblasenen Anleihenmärkten und Geldmengen, die weltweit zirkulieren. Wir sollten hier lieber über diese gigantischen Blasen sprechen. Alleine zwischen Mitte 2008 und Ende 2011 stieg der Anleihenberg, also alle Staatsanleihen, Bankschuldverschreibungen und Unternehmensschuldversprechen, von rund 84 Billionen auf rund 98,4 Billionen US-Dollar. Darüber müssen wir uns Sorgen machen. Darüber müssen wir reden und diesbezüglich müssen wir den Menschen die Augen öffnen.


BE: Seit Jahren übertrifft die Silberproduktion die industrielle Nachfrage. Steht eine Hausse, die nur auf der Investmentnachfrage beruht, nicht auf tönernen Beinen? Wann erwarten Sie, dass die Industrienachfrage das Angebot übersteigt?

Also nach der Theorie müssten Sie alles Gold, sollten Sie welches besitzen, verkaufen. Denn beim Gold entfallen rund 90 Prozent der Nachfrage Schmuck und Investments. Goldhausse stünde danach erst recht auf tönernen Beinen! Silber ist wie Gold für mich Geld. Silber ist ein Wertaufbewahrungsmittel und Silber hat den Vorteil, dass es in mannigfachen Anwendungsgebieten vorkommt. Gold wird gehortet und Silber verbraucht. In jedem Auto steckt ungefähr eine Unze Silber. Heute fahren rund 1 Milliarde Autos rund um den Globus. Im Jahre 2030 sollen es über 1,8 Milliarden sein, so dass 800 Millionen Unzen (Anm. der Red.: zusätzlich rund 25.000 Tonnen, was grob der aktuellen Jahresproduktion entspricht) zusätzlich über unsere Straßen fahren werden. Das ist der große Vorteil von Silber. Noch dazu führt es ein Schattendasein als Investment im Vergleich zu Gold. Bei heutigen Preisen wurde 2011 Gold im Werte von 77 Milliarden Dollar erworben. Die Silberinvestments lagen gerade einmal bei rund 8 Milliarden Dollar. Einer der größten Edelmetallhändler Deutschlands stellt mir monatliche Statistiken zur Verfügung. Danach lag der Wert der Silberkäufe im Juni 2012 im Geschäftsgebiet des Händlers bei rund 12 Prozent. Der Spitzenwert wurde im Mai 2011 im Umfeld des Preishochs von fast 50 US-Dollar bei rund 37 Prozent gesehen. Ich kann nur immer wieder betonen, dass ich ein Edelmetall besitzen möchte, welches verbraucht und nicht nur gehortet wird. Wichtig ist, dass nach den jüngsten Prognosen keine Einbrüche bei der industriellen Nachfrage nach Silber erwartet werden. Sollte die Weltwirtschaft vor weiteren Abschwächungen stehen, werden die Notenbanken alles versuchen, um eine Deflation wie 1929 zu verhindern. Gegen die Folgen eines solchen Vorgehens sichere ich mich mit meinen Silberinvestments ab, die einen besseren Inflationsschutz als Gold oder Rohöl bieten.


BE: Die Förderkosten von Silber lassen sich nicht wirklich kalkulieren, da Silber meist nur ein Kuppelprodukt mit anderen Erzen ist. Kann man wenigstens für die reinen Silberminen die Förderkosten benennen? Analyst Steve St.Angelo (http://www.silverdoctors.com/ ) sieht Kosten bis zu 28 USD. Ist das nicht überzogen?

CPM sah 2011 einen Anstieg der Förderkosten von 5,16 auf 8,28 US-Dollar. Der größte Silberproduzent nannte für 2011 einen Anstieg von 3,27 auf 5,24 US-Dollar. Gemeint sind hier aber nur die Cash Costs, die ausschließlich die laufenden Aufwendungen wie Arbeits- und Energiekosten, nicht aber zusätzliche buchhalterische Kosten wie Abschreibungen auf Maschinen, Förderabgaben, Verwaltungskosten und Steuern auf die Produktion berücksichtigen. Die von Ihnen angesprochen 28 US-Dollar halte ich für zu hoch gegriffen. Aber lassen Sie mich bei meinen belastbaren Daten zu den Cash Costs bleiben. Heiko Thieme warf mir in einer Podiumsdiskussion auf der größten deutschen Anlegermesser im April in Stuttgart vor, dass der Silberpreis ja bedeutend über diesen Cash Costs liegt. Ich antwortete ihm, dass die Deutsche Bank für das Jahr 2009 die Cash Costs aller Ölfelder mit 8,30 US-Dollar angab. Mit einem Ölpreishoch 2008 von 147,27 US-Dollar wurden diese Förderkosten um 1774 Prozent überschritten. Wenden wir dies heute auf Silber an, könnte der Preis auf fast 147 US-Dollar steigen. Natürlich wäre das dann eine Übertreibung wie beim Öl im Jahre 2008, aber dies zeigt doch, dass die Diskussion über die Förderkosten allein nicht zielführend ist.




BE: Die 50 Dollar aus der Hunt-Ära werden immer genannt, wenn gezeigt werden soll, dass Silber weit unter dem Hoch notiert. Ist dieser Preis nicht völlig uninteressant, da er nur Ausdruck einer massiven Marktmanipulation ist?

1968 waren die Hunts noch nicht im Silbermarkt aktiv, aber am 14. März 1968 fiel die Gold/Silber-Ratio auf 14,1 zu 1. Eine Unze Gold kostete also nur noch 14-mal so viel wie eine Unze Silber. Heute liegt es bei 57 : 1! 1973 bezeichnete sich Bunker Hunt als Silverbug und machte die kühne Prognose, dass eine Unze Gold bald nur noch 5-mal so viel wie eine Unze Silber kostet. Damit hat er bereits seine Hybris offengelegt, die ihm später zum Verhängnis wurde. Hochmut kommt vor dem Fall. Am 2. Januar 1980 lag die Ratio wieder bei 14 : 1. Wenn wir Werte von 15 : 1 erreichen, sollten wir Silverbugs dann auch zufrieden sein. Dieses Ziel leite ich in meinen Büchern ja auch ab aus vielen Fakten. Beim heutigen Goldpreis könnte Silber bei 115,6 US-Dollar demzufolge stehen. Sie sehen, die im Mainstream oft zu hörende Aussage zu dem Preishoch vom 18. Januar 1980 bei über 50 US-Dollar zündet auch wieder nur Nebelkerzen.


BE: Silberexperte Ted Butler kritisiert seit langem die Manipulation des Silberpreises. Nur: Kann eine Industriemetall mit echter Nachfrage seitens der Industrie wirklich jahrelang durch Leerverkäufe im Preis gedrückt werden?

Sie können es immer nur für eine Weile. Was würde passieren, wenn der Staat die hohen Wohnungsmieten künstlich per Gesetz reduziert? Es würde weniger gebaut und noch mehr Wohnraum nachgefragt. So wird der Mangel an Wohnraum noch verschärft. Wenn Sie die Edelmetallpreise drücken, heizen Sie die Nachfrage noch an und irgendwann ist der Druck im Kessel so hoch, dass er entweichen muss. Dann kommt es binnen weniger Wochen oder Monate zu sehr starken Anstiegen. Genau dieses Muster erklärt die Kursverläufe sehr schön. Ich nehme für mich in Anspruch, 2009 und 2010 für die Silberhausse getrommelt zu haben, aber kurz vor Ostern 2011 massive Warnungen vor einer Übertreibung und baldigen Korrektur ausgesprochen zu haben. Für mich ist wichtig, dass ich meine Leser zu antizyklischen Silberinvestoren mache. Aber einen beträchtlichen Grundstock sollte man im derzeitigen Umfeld stets behalten, denn das Papiergeldsystem ist hochgradig gefährdet.


BE: Was passiert Ihrer Meinung, sollten die Euroländer ihre Probleme nicht in den Griff bekommen? Stürzen Silber und Gold dann ab?

Wir alle können nur hoffen und beten, dass dies nicht passiert. Nach meiner Überzeugung wird die Europäische Zentralbank alles tun, um eine deflationäre Krise wie 1929 zu verhindern. Das sehen Sie daran, dass die Banken für neues Geld von der Zentralbank inzwischen Wertpapiere als Sicherheit hinterlegen können, die mit einem Rating von BBB- nur noch ein Notch über Ramschniveau liegen. Aber angenommen, es käme zum Auseinanderbrechen des Euros, dann gingen davon Schockwellen auf die gesamte Welt aus. Gold und Silber haben einen gewaltigen Vorteil. Im Gegensatz zu Staatsanleihen, Bankkonten etc. verbriefen sie kein Zahlungsversprechen eines Dritten und können damit eben nicht wertlos werden, wenn der Schuldner in Konkurs geht. Selbst bei einer Krise wie 1929 würden unsere Edelmetallinvestments besser dastehen als die meisten anderen Vermögensanlagen.




BE: Sie befürworten Inflationierung und Eurorettung, haben dafür aber ziemlich viel Kritik von der Edelmetall-Seite her erfahren, wo man Deutschland lieber heute als morgen raus aus dem Euro hätte. Welches Szenario sehen Sie, wie man den verfahrenen Karren wieder flott bekommt? Solange zu inflationieren, bis die Schulden stark reduziert sind, und dabei auch noch die Zinsen tief zu halten, wird kaum funktionieren......

Schauen Sie, die Austeritätspolitik führt nur noch tiefer in die Krise. Die Situation in Spanien hat sich weiter dramatisch verschlechtert. Das deutsche Auslandsvermögen liegt netto bei fast einer Billion, besteht aber zu größten Teilen aus Papiergeldansprüchen. Wir führen hier eine Diskussion, als bräuchten wir nur aus dem Euro auszutreten und damit seien die Papiergeldansprüche deutscher Sparer gerettet. Aber wenn um uns herum die Staaten in schwerste Krisen stürzen und die Schulden, die sie in Euro aufgenommen haben, nicht mehr begleichen können, hätte dies eine Katastrophe für die Vermögensbilanz der Bundesrepublik Deutschland zur Folge, denn weite Teile unserer Vermögenswerte würden wertlos. Das System hat den Point-of-no-Return längst überschritten. Schauen wir uns TARGET2 an mit Forderungen der Deutschen Bundesbank von rund 700 Milliarden Euro. Am Jahresende werden sie sich vermutlich auf eine Billion summieren. Dann kommen die Rettungspakete EFSF und ESM noch dazu. Wer glaubt, er könne die gigantische Anleihenblase und Geldmengenblase der Euro-Zone (dies gilt aber erst Recht für die USA und Großbritannien) wegsparen, der riskiert eine noch schlimmere Krise als 1929. Ich kann das vor meinem Gewissen nicht verantworten. Ein kluger Mann aus dem Reichswirtschaftsministerium sagte 1931 bei einer Geheimtagung: „Der natürliche Weg zur Überwindung eines wirtschaftlichen und finanziellen Notstandes ist in der kapitalistischen Wirtschaft nicht Einschränkung, sondern Leistungssteigerung“. Hätte dieser Mann sich mit seinen Plänen durchgesetzt, wäre uns Hitler wohl erspart geblieben. Im Übrigen: Warum soll es nicht funktionieren, zu inflationieren, die Schulden relativ zum Bruttoinlandsprodukt zu reduzieren und die Zinsen tief zu halten. Genau das haben die USA und Großbritannien nach dem 2. Weltkrieg mit Erfolg getan.


BE: Wann sollte ein Anleger statt Edelmetalle wieder Aktien kaufen? Halten Sie hier irgendwelche Relationen (Gold/Dow-Ratio etc) für hilfreich?

Ich habe dazu umfassende Untersuchungen bezogen auf den Deutschen Aktienindex gemacht, die ich vermutlich Ende des 3. Quartals im Rahmen einer Sonderstudie veröffentlichen werde. Nur so viel: Meines Erachtens hat Silber noch ungeheures Potenzial gegenüber Aktien. 1974 reichten rund 44 Unzen Silber zum Erwerb des DAX Kursindex. Hier ist also nicht der Performanceindex zugrunde zu legen. Heute liegen wir bei rund 160 Unzen. Und den Vergleich mit dem Januar 1980 stelle ich hier noch gar nicht an. Für mich bleibt es dabei: Das Beste kommt erst noch!

BE: Herr Schulte, danke für das Interview

Das Interview führte Christoph Rohrmoser


zur Person: Thorsten Schulte, Deutschlands Silberexperte Nummer 1, ist Chefredakteur des bekanntesten deutschen Silberbriefes (www.silberjunge.de ) und wies bereits vor Jahren auf die Unterbewertung von Silber hin. Er hält zahlreiche Vorträge und ist gefragter Gesprächspartner in diversen TV-Sendungen über Geldanlage und für die führenden deutschsprachigen Wirtschaftsmedien in Europa. Sein Buch: „Silber das bessere Gold“ gehört zur Pflichtlektüre jeden Silberinvestors.


 
 

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