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Kommentar

© Seibold Capital

"Die Rechnung kommt erst noch"   Facebook be



03.07.2012
 

Kommentar von Alexander Seibold, geschäftsführender Gesellschafter der Dr. Seibold Capital GmbH

Die Augen vor möglichen Gefahren zu verschliessen, ist überaus menschlich. Würde man ständig nur an potentielle Gefahren denken, keiner würde mehr ein Auto oder ein Flugzeug besteigen. Der Mensch ist ein Meister der Verdrängung. Dass im Finanzwirtschaft dieses Verhalten anzutreffen ist, ist auch bekannt. Doch auch in den Führungsetagen der Notenbanken ist es offenbar weit verbreitet. Dort hätte man eigentlich mehr Realitätssinn erwartet. So warnt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die in Basel ansässige "Bank der Zentralbanken", dass Notenbanken mittlerweile weltweit die Belastbarkeit ihrer Geldpolitik überschätzen.

Beispielsweise werde durch die Billionen Euro an Liquiditätsspritzen, die weltweit zur Verfügung stehen, Preisblasen verursacht. In einer Zeit, in der die Folgen der Immobilienblasen in USA, Spanien und anderswo noch lange nicht bereinigt sind, werden bereits die nächsten Katastrophen angerichtet. Und das schlimmste daran: Das bisher über die verunsicherten Märkte ausgeschüttete Geld-Füllhorn hat noch nicht einmal etwas genutzt. Die Wahrscheinlichkeit, dass spanische oder italienische Staatsanleihen platzen, ist so hoch wie nie zuvor (Grafik unten). Diese Zusammenhänge zu verdrängen und einfach "Weiter so" zu rufen, das ist schon eine besondere Form von Verdrängung.

Vor einem Monat habe ich darauf hingewiesen, dass sich der Aktienmarkt in einer gefährlichen Situation befindet. Die skizzierten Risiken in der Euro-Zone lassen langfristig steigende Aktienmärkte illusorisch erscheinen. Die Monate Mai und Juni haben uns bestätigt. Ich bezweifle, dass die aktuelle Erleichterungsrallye seit den Gipfelbeschlüssen vom 28. Juni mehr als ein Strohfeuer ist. Die Charttechnik zeigt, beispielsweise anhand des deutschen Aktienbarometers DAX, dass ein weiterer Kurseinbruch wahrscheinlich ist. Dazu passt auch, dass die Erwartungen der deutschen Industrie dramatisch eingebrochen sind, wie der ZEW-Index zeigt (Grafik unten).

Meine These ist: Zwar ist die Skepsis bezüglich der Zukunft des Euro gross. Ohne die Euro-Krise würde der DAX wohl längst über 10 000 Punkten stehen. Aber keiner hat den Mut, sich auszurechnen, was tatsächlich nach einem Auseinanderbrechen des Euros passiert. Es erinnert an das Jahr 2007, als die erwartete US-Immobilienkrise auftrat - und trotz aller bekannten Warnungen die schlimmste Finanzkrise seit 70 Jahren ausgebrochen ist. Wenn spätestens im Herbst das Endspiel um den Euro startet besteht die Gefahr eines Ausverkaufs an den Aktienmärkten. Die einzigen Gewinner, zumindest in relativer Hinsicht, könnten Staatsanleihen stabiler Staaten wie Deutschland sein. Jedoch muss man davor warnen, sich jetzt mit langfristigen Anlagen festzulegen. Flexibilität ist und bleibt das Gebot der Stunde.


 
 

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