Interview mit Mark Mobius, Executive Chairman, Templeton Emerging Markets Group
Rechnen Sie damit, dass sich die chinesische Wirtschaft im 2. Quartal weiter abkühlen und dem Risiko einer harten Landung ausgesetzt sein wird?
Mark Mobius: Die Möglichkeit einer konjunkturellen Verlangsamung in China ist ein grosser Sorgenpunkt. Die brennende Frage ist, ob die Wirt-schaft des Landes eine sanfte oder eine harte Landung erleben wird. Meiner Meinung nach wird China überhaupt nicht landen, sondern weiter fliegen. Wie kann man von einer Verlangsamung sprechen, wenn für 2012 in China ein Wachstum von mindestens 7,5% erwartet wird? Letztlich müssen wir auf die Fakten blicken und nicht über das spekulieren, was aus den Zahlen nicht hervorgeht. Im 1. Quartal dieses Jahres lag das chinesische Wachstum im Jahresvergleich bei 8,1%, was eine Abschwächung gegenüber den +8,9% im letzten Quartal 2011 bedeutete. Industrieproduktion und Einzelhandelsumsätze erhöhten sich im 1. Quartal gegenüber dem Vorjahr um 11,9% bzw. 15,0%. Das Pro-Kopf-Einkommen tendierte insgesamt nach oben. In den städtischen Gebieten erhöhte sich das Pro-Kopf-Einkommen im 1. Quartal 2012 im Durchschnitt um 10%, in ländlichen Bereichen um 13%. Das Wachstum der Anlageinvestitionen hat sich im Anfangsquartal dieses Jahres sogar noch weiter auf 21% verstärkt. Dabei stiegen die Investitionen im verarbeitenden Gewerbe um 25%. Im Immobiliensektor lag der Zuwachs im Jahresvergleich bei 24%. Besonders stark zeigten sich dabei die Bereiche Büro- und sonstige Gewerbeimmobilien. Im gleichen Zeitraum stiegen die Investitionen in Wohnimmobilien um 19% an. Die aktuellen Zahlen deuten zwar zum Teil auf eine Verlangsamung gegenüber dem letzten Jahr hin, fallen aber nach wie vor beachtlich aus. Kaum ein Anleger kann sich noch an Zeiten erinnern, in denen in den USA oder in Westeuropa ein Quartalswachstum von 7% ausgewiesen wurde. Nach meiner Einschätzung gründet sich der Pessimismus in Bezug auf die weitere wirtschaftliche Entwicklung in China auf übertrieben optimistische Prognosen der Volkswirte, die nun von den aktuellen Daten nicht erreicht werden und daher die Alarmglocken läuten lassen. Mein Investmentteam und ich blicken nicht nur auf die vorliegenden makroökonomischen Fakten, sondern halten es, genau wie Bottom-up-Anleger, für genauso wichtig, auch die unternehmensspezifischen Fundamentalfaktoren zu untersuchen. Ungeachtet der jüngsten Störfeuer bleiben wir in Bezug auf China langfristig positiv gestimmt.
Die Exporte sind wohl im Wesentlichen aufgrund der Schwäche bei den wichtigsten Kundenländern – USA und Europa – zurückgegangen. Allerdings unterliegt auch die Struktur der Wirtschaft einem Wandel, wobei die Rolle der Ausfuhren für das Wirtschaftswachstum kleiner wird. Geht die Abhängigkeit von den Exporten zurück? Welches sind die Quellen des Wachstums?
Mark Mobius: Die Verteilung der Exporte verändert sich. Während ein geringerer prozentualer Anteil in die USA und Europa geht, gewinnen andere Länder, wie z.B. die Schwellenmärkte, an Bedeutung. China wird allgemein als ein durch den Export getriebener Wirtschaftsraum wahrgenommen. Tatsächlich stimmt dies aber nicht, denn 2011 trugen die inländischen Investitionen und der loka-le Konsum zusammen 6,8 Billionen USD zum BIP des Landes bei – mehr als dreimal so viel wie die Exporte, die 2,1 Billionen USD beisteuerten. Die Exporte von Gütern und Dienstleistungen werden Schätzungen zufolge gemessen als prozentualer BIP-Anteil von 38% im Jahr 2007 auf 28% im Jahr 2012 sinken.
Welche Auswirkungen hat das Vorhaben Chinas, die Quoten für qualifizierte ausländische institutionelle Anleger (QFII) mehr als zu verdoppeln?
Mark Mobius: Selbst bei einer Verdopplung der Quoten für ausländische Anleger wäre ihr Anteil verglichen mit der Marktkapitalisierung des chinesischen Gesamtmarktes relativ gering. Von wichtigerer Bedeutung ist die langfristige Absicht der Regierung und wie sie dem Markt ihren Wunsch signalisiert, den inländischen Markt zu erweitern.
Welche Sektoren favorisieren Sie in China?
Mark Mobius: Auf meinen Reisen rund um die Welt stelle ich fest, dass sich weltweit eine Konsumkultur entwickelt hat. China ist sicherlich auf davon betroffen. Daher bergen der Einzelhandelssektor sowie Unternehmen, die Wegwerf- und andere Güter produzieren, Chancen. Stromerzeuger, Zulieferer und andere Industrien, welche die Konsumnachfrage unterstützen und von ihr profitieren, kommen ebenfalls infrage. Wir suchen nicht nur in Sektoren mit Bezug zu Konsumgütern wie der Automobilbranche und dem Einzelhandel nach Anlagegelegenheiten, sondern auch im Dienstleistungsbereich, beispielsweise bei Finanz-, Bank- und Telekommunikationsdiensten. Ein weiterer Bereich, auf den wir einen Schwerpunkt legen, sind die Rohstoffe. Obwohl die Preisvolatilität unserer Ansicht nach weiter anhalten dürfte, werden die anziehende Nachfrage sowie das relativ unelastische Angebot „harter“ und „weicher“ Rohstoffe die Preise langfristig vermutlich in die Höhe treiben. Hiervon werden möglicherweise Unternehmen in nahe stehenden Sektoren wie Energie, Bergbau und Landwirtschaft profitieren.






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