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Probleme

Stiglitz sieht bei Banken schlimmere Probleme als vor der Krise   Facebook be



14.09.2009
 

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz sieht im Bankensektor grössere Probleme als vor dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers. “Die Banken, die zu gross zum Scheitern sind, sind in den USA und vielen anderen Ländern noch grösser geworden”, sagte Stiglitz im Gespräch mit Bloomberg News. “Die Weltwirtschaft ist bei weitem noch nicht über den Berg.”

Stiglitz sprach sich dagegen aus, den gesellschaftlichen Wohlstand ausschliesslich am Bruttoinlandsprodukt messen zu wollen. Die Politik müsse sich an wesentlich breiter gefächerten Massstäben orientieren. Strukturelle Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft hätten dafür gesorgt, dass das BIP immer weniger geeignet sei, aussagekräftige Auskunft über den Wohlstand der Gesellschaft zu erteilen. Zu diesem Schluss kam Stiglitz im Rahmen einer Studie, die er im Auftrag des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy durchgeführt hatte.

Mit seinen Ansichten zum Bankensektor stösst Stiglitz in das gleiche Horn wie der frühere Notenbankchef Paul Volcker, der der Regierung von Präsident Barack Obama geraten hat, die Grösse der Banken zu beschränken. Stanley Fischer, der Gouverneur der israelischen Zentralbank schlug vor, die Regierungen sollten verhindern, dass Finanzinstitute zu stark wachsen.

Der Zusammenbruch von Lehman hat die US-Regierung gezwungen, Milliarden Dollar in das Finanzsystem zu pumpen, um es zu stützen. Aber ein Jahr später ist die Bilanzsumme der Bank of America Corp. gewachsen, und die Citigroup Inc. ist weiter intakt. In Grossbritannien hat Lloyds Banking Group Plc, an der der Staat 43 Prozent hält, HBOS Plc übernommen. In Frankreich besitzt BNP Paribas SA nun die belgischen und Luxemburger Bankenaktivitäten des Versicherers Fortis.

Zwar will Obama einige Banken als “systemisch wichtig” klassifizieren und sie einer strengeren Aufsicht unterwerfen. Aber seine Pläne würden die Finanzhäuser nicht zwingen, kleiner zu werden oder ihre Struktur zu vereinfachen. Die US-Regierung gehe Auseinandersetzungen mit der Finanzbranche aus dem Weg, um politische Schwierigkeiten zu vermeiden, erklärte Stiglitz. Er hoffe, dass die G-20-Nationen auf ihrer Tagung in Pittsburgh am 24./25. September die USA zu einem härteren Vorgehen bewegen können.

Unter dem Druck von Frankreich und Deutschland haben die Finanzminister der G-20 im September eine vorläufige Vereinbarung geschlossen, die Vorschläge zur Kürzung von Bonuszahlungen und eine engere Ausrichtung der Vergütung an der langfristigen Leistungsentwicklung vorsieht. Es sei “empörend”, dass sich die amerikanische Regierung so zögerlich zeige, das Notwendige zu tun, obwohl der Staat so viel Geld in die Banken gesteckt habe, sagte Stiglitz, ehemals Chefökonom der Weltbank und Wirtschaftsberater des Weissen Hauses.

Zum Ausblick für die Konjunktur erklärte der Nobelpreisträger: “Wir werden eine längere Phase von konjunktureller Schwäche erleben. Die USA werden nicht stark genug wachsen, um den Bevölkerungsanstieg auszugleichen. Wenn die Leute kein Einkommen haben, ist es nur schwer vorstellbar, wie die USA die Nachfrage erzeugen sollen, die die Weltwirtschaft benötigt.”

Was die Fragwürdigkeit des BIP als Wohlstandsindikator angeht, steht Stiglitz nicht allein. Präsident Obama hat das Thema während seines Wahlkampfes angeschnitten. David Cameron, der britische Oppositionsführer, hat gefordert, über “Wohlstand allgemein” und nicht nur Produktion nachzudenken.

“So viele Dinge, die wichtig sind, gehen nicht ins BIP ein”, bemängelt Stiglitz, der als Professor an der Columbia University tätig ist. “Es müsste eine ganze Reihe von Zahlen geben und wir müssen die Bedeutung jeder Zahl verstehen.”

Einer der Mängel des BIP-Modells sei die Einschätzung des Staatsbeitrages zur Wirtschaftsleistung. Denn die sei in den Ländern sehr unterschiedlich, von 39 Prozent in den USA bis 48 Prozent in Frankreich. Hinzu komme die Schwierigkeit, Verbesserungen bei der Qualität von Produkten, beispielsweise Autos, einzuschätzen. Irreführend sei auch, dass das BIP beispielsweise durch eine stärkere Verschuldung der privaten Haushalte wachse - obwohl eine solche Zunahme der Verschuldung keineswegs eine reale Zunahme des Wohlstands bedeute. Stiglitz rät zwar nicht dazu, das BIP als Messgrösse ganz fallen zu lassen. Aber die Regierungen weltweit sollten verstärkt Faktoren wie etwa Umweltverträglichkeit berücksichtigen, plädierte Stiglitz. (Bloomberg)


 
 

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