Fonds Express: Was hat sich seit Ausbruch der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise für einen britischen Lebensversicherer wie ihren Konzern geändert? Konnten die Einzahlungen der Kunden vor dem Schlimmsten bewahrt werden und wie haben die Kunden insgesamt reagiert?
Bernd Hartweger: Nachdem unsere Produkte allesamt am Kapitalmarkt hängen und wir auch viel in Aktien investiert waren, wurden wir von der Krise ebenfalls getroffen. Unsere Kunden haben das aber nur schaumgebremst miterlebt. Das liegt daran, dass bei all unseren Produkten der Sicherheitsaspekt eine große Rolle spielt, und 95% aller Verträge mit Garantien ausgestattet sind. Wir haben seit Ausbruch der Krise aber vor allem mehr Informationsbedarf bei unseren Kunden gesehen.
FE: Mit dem Schlagwort Garantie wird ja oft geworben. Meist lässt man aber dabei nur Performance liegen. Wie sieht das Garantiemodell bei Clerical Medical aus?
Hartweger: Bei uns gibt es in der fondsgebundenen Lebensversicherung Fonds mit täglich fälligem Höchststand, der garantiert werden kann, und zwar in verschiedenen frei wählbaren Stufen mit 70%, 80% oder 90%. Die jeweilige Sicherheitsstufe kann man vor Abschluss des Produktes wählen, aber auch während der Laufzeit ändern. Das Entscheidende bei unserer Art der Garantie ist aber, dass sie nicht nur zu Laufzeitende gilt, sondern auch während der Laufzeit. Das ist vor allem für jene wichtig, die ihre Versicherung vor dem Abreifen zurückkaufen wollen oder müssen.
FE: Wie hoch sind die Rückkaufraten ihrer Kunden und wie hat sich das nach Ausbruch der Krise geändert?
Hartweger: Wir sind bei einem langfristigen Durchschnitt von rund 3% Rückkäufe. Das hat sich zwar mit Ausbruch der Krise erhöht, aber nicht dramatisch. Und ab dem 2. Quartal 2009 waren wir wieder in etwa auf einem normalen Niveau. Wir sagen unseren Kunden einfach: Ja, du kannst auflösen, aber bedenke auch die Nachteile wie 7% mehr Steuern und nochmalige Abschlusskosten bei Alternativveranlagungen. Klar kommt es in Krisenzeiten zu vermehrten Rückkäufen, oft sind das aber nur Panikreaktionen ohne direkten Kapitalbedarf, und da wirkt Aufklärung Wunder.
FE: Wie sieht die Nachfrage nach fondsgebundenen Lebensversicherungen aktuell aus? Manche andere Branchen sagen ja, dass derzeit gar nichts geht.
Hartweger: Das Kundenverhalten ist immer zyklisch und damit investementtechnisch gesehen meistens falsch. Wir wollen die Kunden jetzt dazu bringen, die Bauchentscheidung, die sie jetzt schon mit sich herumtragen, wieder in ihre Köpfe zu bringen. Man muss sich nur vor Augen halten, dass unser hier angebotenes Garantiemodell seit Sommer 2004 per Saldo bei einer Rendite von +20% steht. Das bedeutet: Wir erzielen auch in sehr schwierigen Phasen vertretbare Renditen für unsere Kunden und haben zusätzlich noch Potenzial, wenn sich die Märkte wieder mehr erholen.
FE: Wie groß ist Clerical Medical in Österreich? Welche Marktposition will man erreichen?
Hartweger: Wir haben in Österreich aktuell an die 40.000 Verträge und verwalten damit ein Vermögen von rund 1 Mrd. Euro Wenn es uns gelingt, jedes Jahr um 10% zu wachsen, sind wir sehr zufrieden. Wir gehören damit zu den Top 3 der ausländischen Anbieter im Markt und sind der größte Brite.
FE: Wie ist der Vertrieb organisiert? Welche Maßnahmen sind dort zu erwarten?
Hartweger: Wir gehen in Österreich wie im gesamten Konzern ausschließlich über unabhängige Berater. Für den Kunden ist dort die Auswahl am besten. Interessant sind aber sicher auch die diversen Regionalbanken hier im Lande. Die Grundpolitik soll auch weiterhin so gefahren werden wie bisher, aber ich kann mir eine Ergänzung vorstellen. Dazu müssen wir unser Angebot bei den Banken noch klarer fokussieren. Daran arbeiten wir gerade. Unser Vorteil ist, dass wir für die Banken dabei keine Konkurrenz darstellen, weil wir nicht in deren Kerngeschäft tätig sind.
FE: Abschließend noch: ihr Wunsch an die Politik?
Hartweger: Der dürfte klar sein: Man soll doch endlich die Strafsteuer von 11% auf Lebensversicherungen mit einer Laufzeit von unter zehn Jahren abschaffen, zumindest stufenweise.
Interview: Peter R. Nestler






