Die Spekulanten sind bekanntlich in der sehr einfachen Weltsicht von Politikern prinzipiell böse, sehr böse sogar. Nicht nur bereichern sie sich zum Schaden der Allgemeinheit (wer auch immer das sein mag), Steuern wollen sie auch keine zahlen und drücken sich daher immer in Steueroasen. Wenn es dann gar um die Getreidepreise geht, kennen die Vorwürfe meist kein Halten mehr. Dann tragen die Spekulanten zum Welthunger bei, was meist mit passenden Photos eindrücklich unterstrichen wird. So hat natürlich auch längst in der EU eine Debatte über die Rohstoffmärkte eingesetzt. Binnenmarktkommissar Michel Barnier sieht etwa im Vorschlag über die Neufassung der MiFID-Bestimmungen eine stärkere Regulierung der Rohstoffmärkte vor. Die Transparenz solle erhöht werden, Positionslimits für Derivate auf den Rohstoffmärkten sollen eingeführt werden, welche sowohl von der EU-Kommission als auch den nationalen Aufsichtsbehörden bestimmt werden können, so es Hinweise auf übermäßige Spekulationen gebe. Die Koordination solle von der neuen Wertpapieraufsichtsbehörde durchgeführt werden. Allerdings bestehen nicht nur in den USA, sondern auch in Europa Zweifel, ob die Spekulation überhaupt maßgeblich an den hohen Preisen vieler Rohstoffe verantwortlich sei. So sieht CFTC-Commissioner Michael Dunn in der Diskussion um die Beschränkung der Handelspositionen eher einen Nebenschauplatz. Seiner Meinung bestünden keinerlei Beweise für eine exzessive Spekulation und sinkende Preise nach Einführung der Maßnahmen. In den USA unterliegen neben Energie und einigen Metallkontrakten auch neunzehn Agrarkontrakte (u.a. Mais, Weizen, Zucker...) den neu eingeführten Positionslimits.
Rohstoff-Guru Jim Rogers hat in einem Interview mit der NZZ anlässlich seines Vortrags an der Zürcher Fonds12 auf die Frage, ob Investments in Agrarrohstoffe nicht „unethisch“ wären, Dampf abgelassen, und der Politik Heuchelei vorgeworfen. Höhere Agrarpreise seien notwendig, denn schon jetzt befänden sich viele afrikanische und indische Bauern unterhalb ihres Existenzminimums und begingen sogar Selbstmord. In den USA sei das Farmertum dermaßen unattraktiv, dass das Durchschnittsalter der Farmer bei 58 Jahren liege und die Produktion in naher Zukunft ernsthaft gefährdet sein („es wird bald um keinen Preis mehr Nahrungsmittel geben“). Unethisch sei somit vielmehr der Wunsch der Konsumenten, für Nahrungsmittel nichts zahlen zu wollen.
Dabei darf man auch nicht vergessen, dass gerade die Industrienationen mit ihrer hochsubventierten Agrarpolitik dazu beigetragen haben, künstlich die Agrarpreise tief zu halten, zum Schaden der Dritte-Welt-Bauern, die von billigen Agrarprodukten geradezu überschwemmt werden. Die Scheinheiligkeit der Politik zeigt sich auch darin, dass genau sie es war, mit der Förderung von Biosprit die Nachfrage angeheizt zu haben, was zu steigenden Preisen führte. Wieviel zusätzlich auf das Konto von Spekulanten geht, ist jedenfalls umstritten.
(cr)






