Die US-Wirtschaft steht möglicherweise vor einer neuen Abschwungphase. Das fürchtet jedenfalls der Nobelpreisträger und Wirtschaftsprofessor Joseph Stiglitz. Vor Journalisten in New York erklärte er am Donnerstag, es bestehe eine “erhebliche Chance” für eine Abwärtsbewegung nach der Erholung aus der schlimmsten Krise seit den 1930er Jahren.
“Es ist nicht klar, dass sich die USA nachhaltig erholen”, sagte der Professor der Columbia University. Stiglitz sieht zwei mögliche Szenarien für die grösste Volkswirtschaft in den kommenden Monaten: Die Chancen für eine Konjunkturentwicklung, gekennzeichnet durch einen neuerlichen abrupten Abwärtstrend bevor es aufwärts gehe, seien erheblich. Diese graphisch durch den Buchstaben ‘W’ charakterisierte Entwicklung sei allerdings nicht unvermeidbar, sagt Stiglitz. Alternativ ist auch denkbar, dass die Wirtschaft einfach auf niedrigem Niveau weiterlaufe.
Auch andere Ökonomen und Politiker haben sich jüngst zurückhaltend zur Stärke der Erholung geäussert. US- Finanzminister Timothy Geithner sagte am Mittwoch, es sei zu früh, Massnahmen der Regierung zur Ankurbelung der Wirtschaft zu beenden.
Stiglitz sprach davon, dass es schwierig sei, eine Aussage zum Gang der künftigen Wirtschaftsentwicklung zu machen, weil “wir uns wirklich in einer anderen Welt” befinden. Die Krise des vergangenen Jahres sei durch laxe Regulierung verschärft worden. Dieser Umstand habe es einigen Finanzunternehmen erlaubt, so gross zu werden, dass das Wirtschaftssystem den Zusammenbruch jeglicher Akteure nicht verkraftet hätte. “Diese Institutionen sind nicht nur zum Umfallen zu gross, sie sind auch nicht mehr steuerbar”, sagt Stiglitz.
Das Thema der Regulierung im Finanzsektor steht derzeit auch bei einem Treffen der G20 Finanzminister in London auf der Tagesordnung. Dort wird ein Gipfel vorbereitet, der in drei Wochen in Pittsburgh Massnahmen zur Neuordnung der Aufsicht im Finanzsektor verabschieden soll.
Bereits am Donnerstag erklärte das US-Finanzministerium in einer Mitteilung, es strebe bis Ende nächsten Jahres eine weltweit gültige Vereinbarung an, die von Banken eine höhere Kapitalausstattung verlange.
Zurückhaltend äussert sich Stiglitz zur Frage der längerfristigen Auswirkungen des US-Konjunkturprogramms im Umfang von 787 Mrd. Dollar: “Wir hatten ein sehr grosses Paket zur Ankurbelung der Wirtschaft. Es hat zur Belebung der Wirtschaft beigetragen und wird auch im laufenden Quartal seine Wirkung entfalten. Aber die Frage ist, was passiert, wenn man weiter nach vorne in Richtung 2011 blickt - dann lässt die Wirkung des Konjunkturprogramms nach, das ist negativ”. Auf die Frage, ob die USA ein weiteres Konjunkturpaket brauchen, sagte Stiglitz, es sei am besten abzuwarten, wie sich die Dinge entwickeln.
Die US-Wirtschaft kommt aus der grössten Talfahrt seit mehr als 60 Jahren. Während das Bruttoinlandsprodukt von Januar bis April um 6,4 Prozent geschrumpft ist, fiel es im Zeitraum von Mai bis Juni auf annualisierter Basis um ein Prozent. Es war das vierte rückläufige Quartal in Folge und stellt damit die längste Abwärtsbewegung seit Beginn der Aufzeichnungen 1947 dar. Seit dem zweiten Quartal 2008 ist die US-Wirtschaft um 3,9 Prozent geschrumpft. Das ist die schärfste Rezession seit der Weltwirtschaftskrise.
Die Stolpersteine auf dem Weg nach vorne sind nach Ansicht des 66-jährigen Stiglitz mannigfaltig: Angesichts der massiven Überkapazitäten läuft die US-Wirtschaft kurzfristig Gefahr, in eine Phase niedrigerer Inflationsraten, möglicherweise gar in eine Deflation, zu geraten. Die Löhne dürften sogar fallen, sagt Stiglitz unter Verweis auf Produktivitätsfortschritte und die Wahrscheinlichkeit anhaltend hoher Arbeitslosigkeit.
Längerfristig aber sei die Inflation die grössere Gefahr angesichts der aggressiven Geldpolitik der US-Notenbank, so Stiglitz weiter. “Angesichts der Höhe der Defizite und der aufgeblähten Bilanz der Notenbank ist es nachvollziehbar, dass Inflationsängste die Runde machen”, sagt Stiglitz. Zwar sage die Fed, sie verfüge über Massnahmen, damit umzugehen. Das räume aber die Sorgen nicht beiseite. Denn die Geldpolitik benötige sechs bis 18 Monate, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Die Notenbank müsse auf der Grundlage von Prognosen anfangen, die lockere Geldpolitik einzudämmen. Die bisherige Bilanz der Fed-Prognosen sei nicht ausreichend, die Investoren zu beruhigen. Deshalb könnte in der Folge auch der Dollar unter Druck geraten, so Stiglitz weiter.
Stiglitz beschloss seine Ausführungen mit einer historischen Betrachtung. Zwischen dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers Holdings Inc. lag “eine kurze Periode amerikanischen Triumphs, wo wir die Nummer eins auf der Weltbühne waren. Das ist jetzt vorbei”, so der Nobelpreisträger. (Bloomberg)






