Der frühere Vorsitzende der US-Notenbank Alan Greenspan hielt es vor noch gar nicht allzu langer Zeit für möglich, dass der Euro den US-Dollar als Leitwährung ablöst. Die meisten Studien belegen einen Rückgang der Bedeutung des US-Dollar als Reservewährung und einen gleichzeitigen Anstieg der diesbezüglichen Relevanz des Euro seit seiner Einführung 1999. Harte Zahlen hingegen untermauern den nach wie vor aufrechten Status der US-Devise als Reservewährung der Welt: Wie Bloomberg berichtet, haben sich die Einlagen ausländischer Banken bei der US-Notenbank Federal Reserve seit Ende 2010 mehr als verdoppelt, von 350 Mrd. auf mehr als 715 Mrd. USD. 47 ausländische Banken hatten Ende September jeweils mehr als 1 Mrd. USD bei der Federal Reserve Bank New York deponiert, wie eine Umfrage des weltgrössten Interbankenbrokers ICAP unter 80 Instituten ergab. Ende 2010 lag die Anzahl der Auslandsbanken, auf die dies zutraf, noch bei 22.
Seit dem 5. August, als Standard & Poor’s den USA die Spitzenbonitätsnote „AAA“ entzogen hat, konnte der Dollar 6,7 Prozent zulegen. Damit wies der Greenback unter den Industrieländer- Währungen die zweitbeste Performance nach dem Yen auf, wie die korrelationsgewichteten Devisenindizes von Bloomberg zeigen. Die Stärke des US-Dollar spiegelt sich in den letzten Tagen auch in der Goldpreis-Schwäche wider.
Vontobel bezweifelt allerdings die nachhaltige Aufwertung des US-Dollar. „Die USA müssen nämlich etwas tun, was sie schon seit Jahrzehnten nicht mehr kennen: Sparen“, so heisst es in einer von Vontobels Kolumnen. In der Tat, die Schuldengespräche zwischen Republikanern und Demokraten sind zwar gescheitert, aber damit beginnt ab 2013 ein automatischer Prozess für Budgeteinsparungen in Höhe von 1,2 Billionen Dollar. Bereits Ende 2011 laufen allerdings zahlreiche staatliche Klauseln im Steuer- und Sozialbereich aus, die die schwache Konjunktur kurzfristig stützen sollen. Sollten die Klauseln nicht verlängert werden, hat das ab Jänner 2012 weitreichende Folgen für das verfügbare Einkommen der amerikanischen Haushalte. Für diesen Fall haben die Experten von Goldman Sachs für Anfang 2012 eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums um 1,5 Prozent errechnet.
Wenn Alternativen fehlen, können aber weder schlechtere Wirtschaftsaussichten, noch Ratingherabstufungen und beispiellos niedrige Zinsen Anleger vom Dollarkauf abhalten. „Besonders bei grossen Reserve-Portfolios werden liquide Märkte benötigt. Und wirklich in Betracht kommt da nur der Dollar“, gibt Alan Ruskin, Chef der G10-Devisenstrategie bei der Deutsche Bank zu bedenken. Lou Crandall, Chefvolkswirt bei Wrightson ICAP glaubt auch, dass mit der erhöhten Betonung stärkerer Liquiditätspositionen für Banken in aller Welt die aufsichtsrechtlich bedingte Nachfrage nach liquiden Vermögenswerten zugenommen hat: „Indessen sehen wir nicht unbedingt eine Zunahme im Angebot liquider Vermögenswerte.“ (cg)


