Europäische Banken müssen den Goodwill von 270 Mrd. Dollar aus Akquisitionen vor der Finanzkrise möglicherweise abschreiben, bevor sie zur Stärkung ihres Eigenkapitals Vermögenswerte verkaufen oder Aktien begeben können. Die Einschätzung vertritt unter anderem die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte LLP.
UniCredit hat in dieser Woche eine Wertberichtigung von 8,7 Mrd. Euro auf eine Reihe von Übernahmen im Heimatmarkt und in Osteuropa vorgenommen. Andere europäische Banken dürften Analysten zufolge auf die grösste Bank Italiens folgen. Crédit Agricole, Banco Santander und Intesa Sanpaolo gehören zu den europäischen Banken, die noch den meisten Goodwill in ihren Bilanzen haben, wie aus Bloomberg-Daten hervorgeht.
“Banken, die für Beteiligungen einen Aufschlag gezahlt haben, als die Lage noch besser war, müssen den Goodwill in ihren Bilanzen neu berechnen”, erklärt Andrew Spooner, Partner bei Deloitte LLP. “Vergangene Akquisitionen mit Bezug zu Euroraum-Randstaaten sind wohl am ehesten von Korrekturen betroffen.”
Europäische Bankaktien notieren Bloomberg-Daten zufolge im Schnitt bei 58 Prozent ihres Buchwertes. Zwar werden die Goodwill-Abschreibungen nicht das von den Banken vorzuhaltende Eigenkapital schmälern, sie sind jedoch ein Zeichen, dass die Käufer zuviel bezahlt haben.
“Ein grosser Papierverlust sieht niemals gut aus. Er ist häufig ein Anzeichen für eine Veränderung der strategischen Richtung oder von Verkäufen im gegenwärtigen Umfeld”, erläutert Kinner Lakhani, Bankanalyst bei Citigroup. “Ich rechne mit weiteren Abschreibungen, die teilweise aufgrund der Bilanzierungsvorschriften und teilweise aus kommerzieller Notwendigkeit erfolgen.”
Goodwill ist ein Bilanzierungsposten, der die Summe umfasst, die über den Buchwert eines Unternehmens gezahlt wurde. Nach den Rechnungslegungsvorschriften für europäische Banken, den International Financial Reporting Standards, müssen Unternehmen den Goodwill in ihren Bilanzen abschreiben, wenn die zugrunde liegenden Vermögenswerte dauerhaft an Wert verloren haben.
Die österreichische Erste Group Bank hat im Oktober einen Aufwandsposten von 939 Mill. Euro auf Geschäftsbereiche in Ungarn und Rumänien verbucht und verwies auf die verschlechterten Marktbedingungen in der Region. Société Générale, die zweitgrösste französische Bank, hat eine Korrektur von 200 Mill. Euro auf einige Geschäftseinheiten im Bereich Verbraucherfinanzierung vorgenommen.
Unternehmen müssen jährlich einen Goodwill-Anpassungstest durchführen, oder wenn, wie bei der Ersten Bank, ein Ereignis eine Goodwill-Anpassung auslöst. Eine Anpassung ist notwendig, wenn der ausgewiesene Wert eines Vermögenswertes unter seinen Marktwert oder seinen Wert für den Besitzer sinkt. Banken haben in der Vergangenheit nicht realisierte Verluste damit gerechtfertigt, dass ein Geschäft wertvoller sei als der Marktpreis signalisiere, wobei dafür ihre eigenen Erlösschätzungen zugrunde gelegt wurden.
“Durch die gegenwärtig niedrigen Bewertungen steigt das Risiko von Goodwill-Abschreibungen bis Jahresende für die Banken, und das ist nicht gut für die Gewinnausweise”, Antonio Ramirez, Bankanalyst bei Keefe, Bruyette & Woods in London.
Als immaterieller Vermögenswert geht der Goodwill nicht in die aufsichtsrechtlichen Eigenkapitalberechnungen ein. Aus dem Grunde werden Korrekturen nicht die Solvenz einer Gesellschaft berühren. Allerdings werden sie unter Umständen als schlechtes Zeugnis für das Management gewertet.
“Wenn eine Abschreibung vorgenommen wird, heisst das praktisch, sie haben ein schlechtes Geschäft gemacht”, erläutert Justin Bisseker, Bankanalyst bei Schroders Plc in London. Deswegen fänden Goodwill-Abschreibungen häufig statt, wenn es einen Führungswechsel gibt. Sie können aber auch ein Anzeichen für einen strategischen Kurswechsel sein, wie Lakhani von Citigroup erklärt. “Eine Wertberichtigung ist ein Eingeständnis, dass die Dinge sich nicht wie gewünscht entwickeln”, erklärt er. “Wenn sie ernsthaft Fremdkapital abbauen wollen, müssen sie die Abschreibung vornehmen.”
Einige Banken werden die Wertkorrekturen wohl noch um ein Jahr hinausschieben, erwartet Marc Hayn, geschäftsführender Direktor bei Houlihan Lokey. “Sie sind nicht verpflichtet, die Abschreibungen vorzunehmen, wenn sie darlegen können, dass sie einen widerstandsfähigen Geschäftsplan haben, und viele Banken werden das weiter so machen”, sagte er. “Die Frage ist nur, ob der Geschäftsplan robust genug ist oder zu ehrgeizig.”
(Bloomberg)






