Nehmen Sie erhöhte Nachfrage nach Anlagen in Grenzmärkten wahr? Wenn ja, was sind die Gründe?
Mark Mobius: Wir haben tatsächlich zunehmendes Interesse an den Grenzmärkten festgestellt. Die Anleger sind immer besser informiert und merken, dass sich die Weltwirtschaft verändert hat. Sie halten nach den „neuen“ Schwellenmärkten Ausschau oder, wenn Sie so wollen, den „nächsten“ BRIC-Märkten. Die Grenzmärkte stehen heute dort, wo viele Schwellenmärkte vor 20, 30 Jahren standen. Die Chance, in Grenzmärkte zu investieren, bevor sie grosse Volkswirtschaften werden, ist daher sehr reizvoll. Anleger können dadurch von der Entwicklung dieser Märkte profitieren und sich dort finanziell engagieren. Unsere Grenzmarktfonds zum Beispiel, die im Oktober 2008 aufgelegt wurden, verwalten inzwischen über 1 Mrd. US-Dollar.
Wie sieht Ihr Ansatz für diese Märkte aus? Was sollte man unbedingt wissen, bevor man dort einsteigt? Was ist Ihre Anlagestrategie? Inwiefern unterscheidet sie sich von An-lageentscheidungen für Industrieländer oder auch BRIC-Staaten?
Mark Mobius: Wir gehen die Grenzmärkte im Grunde ganz ähnlich an wie alle übrigen Märkte. Die vier wichtigsten Faktoren, die wir bewerten, bevor wir einen neuen Markt betreten, stecken in dem Akronym FELT. Ist der Markt fair? Ist er effizient? Ist er liquide? Und schließlich: Ist er transparent? Die Anlagestrategie für Grenzmärkte ist die gleiche wie für Schwellenmärkte. Wir bewerten weiterhin jedes Unternehmen für sich. Natürlich sind Informationen auf Grenzmärkten unter Umständen schwerer verfügbar als in Industrieländern oder BRIC-Staaten. Deshalb haben wir unser Team vor Ort, mit einheimischen Analysten und Niederlassungen in Grenzmärkten wie Vietnam und Dubai.
Was sind derzeit die heissesten Anlageziele?
Mark Mobius: Wir entdecken zwar nach wie vor attraktive Anlagen in den meisten Grenzmärkten, sind derzeit jedoch überwiegend in Nigeria, Ägypten, Kenia, Kasachstan, Rumänien, Argentinien, Panama, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Katar und Saudi-Arabien engagiert. Unsere favorisierten Themen sind Rohstoffe und Konsum. Unseres Erachtens werden Nachfrage und Preise im Rohstoffsektor langfristig weiter steigen, weshalb wir Rohstoffunternehmen ansprechend finden. Konsum ist ein Thema, weil die Pro-Kopf-Einkommen in Grenzmärkten rasch ansteigen.
Wir wirkt sich die europäische Schuldenkrise auf regionale Grenzmärkte wie Rumänien aus?
Mark Mobius: Wie alle Schwellen- und Grenzmärkte lässt sich auch Rumänien nicht vollständig aus dem internationalen Wirtschaftsumfeld herauslösen. Doch jedes Land hat eigene Wachstumstreiber, was zu graduell unterschiedlichen Auswirkungen führen kann. So könnten in Rumänien die Exportsteigerungen, vor allem in die EU, beeinträchtigt werden, weil Länder wie Deutschland und Frankreich langsamer wachsen. Auch könnten die Aus-landsinvestitionen aus diesen Ländern zurückgehen, wenn die Investoren zurückhaltender werden. Dabei gilt aber, dass die rumänische Verschuldungsquote im Vergleich zu anderen EU-Ländern nach wie vor sehr viel Sicherheit bietet. Außerdem ist die Währung in den letzten Jahren stabil gewesen. Sektoren wie Landwirtschaft, Bau und auch Konsum dürften ebenfalls einen positiven Beitrag zum BIP-Wachstum leisten. Schließlich hat die Zentralbank angesichts des jüngsten Inflationstrends in den nächsten Monaten Spielraum zur Lockerung der Wäh-rungspolitik, was Rumänien gegen die Effekte schwächelnder EU-Volkswirtschaften abschirmen könnte.
Welche Pluspunkte und Chancen bietet Rumänien im Moment? Welche Sektoren haben am meisten Potenzial?
Mark Mobius: Wir erkennen Wachstumschancen in Sektoren mit Bezug zu Energie, Landwirtschaft und Konsum mit jeweils unterschiedlichen Triebfedern. Im Energiesektor haben Unternehmen unseres Erachtens wertvolle Aktivposten und bieten reizvolle Anlagechancen. Allerdings muss sich das Management auf Effizienz und Rentabilität ausrichten. In der Landwirtschaft stimmt der Kurs. Etliche Unternehmen investieren in die Zusammenlegung von Flurstücken und in Technik zur Steigerung der Ernte. Das enorme Potenzial Rumäniens in diesem Sektor ist aber noch lange nicht ausgeschöpft. Der Konsum in Prozent des BIP ist noch gering, selbst für ein Schwellenland. Diese Lücke sollte sich in den kommenden Jahren schließen, was interessante Chancen in Sektoren wie Einzelhandel und Bankwesen eröff-nen sollte.
Mit Blick auf Asien: Was halten Sie von Sri Lankas Strategie zum Wachstum durch Konzentration auf den Export?
Mark Mobius: Sri Lanka mit seiner qualifizierten Erwerbsbevölkerung, üppigen landwirtschaftlichen Ressourcen und Naturschönheit ist gut aufgestellt, um Güter und Dienstleistungen zu exportieren, was Tourismus einschließt. Der Export ermöglicht es den Unter-nehmen des Landes auch, einen weit größeren Kundenstamm zu bedienen als seine eigenen 20 Millionen Bürger, ob in unmittelbarer Nachbarschaft mit 1,5 Milliarden Menschen oder weltweit. Sri Lanka liegt überdies günstig auf internationalen Schifffahrtsrouten und bietet sich dadurch als Export- und Umschlag-knotenpunkt an.
Engagieren Sie sich in Sri Lanka?
Mark Mobius: Wir beobachten und analysieren diesen Markt schon länger, mit Blick auf Aktien und auch außerbörsliche Beteiligungen für unsere strategischen Fonds. Wir finden Branchen wie Immobi-lien, Hotels, Einzelhandel und schnell drehende Konsumgüter interessant. Auch der Bankensektor bietet Chancen, da das Land diesbezüglich unterversorgt ist. Noch nimmt nicht jeder Bankdienstleistungen in Anspruch und eine Reihe von Bank-produkten ist ausbaufähig – Kreditkarten etwa, oder Hypotheken. Vorerst sind Aktien in anderen Teilen der Welt aber noch deutlich billiger.
Was ist der beste Tipp für Anleger in unsicheren Zeiten?
Mark Mobius: Wenn die Finanzmärkte global in der Krise scheinen, neigen die Investoren dazu, Kapital aus den Aktienmärkten abzuziehen und in liquide Mittel oder Anlagen zu stecken, die sie für die sichersten halten – wie US-Schatzpapiere. Das ist die denkbar schlechteste Entscheidung. Finanzielle Turbulenzen können zwar Risiken und kurzfristige Volatilität erhöhen, doch die beste Methode zur Minimierung von Risiken ist nach unserer Überzeugung die Streuung über heimische und internationale Anlagekategorien. Schließlich wird nicht jeder Markt gleichermaßen und zur selben Zeit in Mitleidenschaft gezogen. Auf lange Sicht ist unseres Erachtens daher eine weltweite Diversifizierung von Anlagekapital entscheidend. Vor allem aber sollten sich Anleger in den Ländern mit den besten Wachstumsaussichten engagieren. Schwellen- und Grenzmärkte wachsen dreimal so schnell wie Industrieländer und verfügen über höhere Devisenreserven bei niedrigeren Verschuldungsquoten. Außerdem entfällt auf sie mehr als ein Drittel der globalen Marktkapitalisierung. Die Portfolios der meisten Anleger sind in Schwellenländern stark un-tergewichtet. Daher ist jetzt der ideale Zeitpunkt zur Diversifizierung.






