Die europäischen Versicherer werden die Abschreibungen auf ihre Staatsanleihe-Portfolios voraussichtlich ohne Kapitalerhöhungen verkraften, indem sie die Verluste an die Kunden weiterreichen. Die Inhaber von Lebensversicherungspolicen werden laut JPMorgan Chase & Co. etwa zwei Drittel der potenziellen Verluste von 235 Mrd. Euro schultern müssen, die auf die Versicherer bei ihren griechischen, italienischen, irischen, portugiesischen und spanischen Anleihen zukommen. Die Assekuranzkonzerne halten etwa acht Prozent der Anleihen der Länder aus dem Süden der Eurozone.
“Die Policen beziehen sich auf das allgemeine Konto der Versicherer. Daher haben sie grundsätzlich sämtliche Flexibilität, Verluste bei Vermögenswerten an die Versicherungsnehmer weiter zu reichen”, sagt Guillaume Prache, geschäftsführender Direktor beim Anlegerverband European Federation of Investors in Brüssel. Die Kunden “sind sehr schlecht informiert über das daraus entstehende Risiko.”
Die meisten Staatsanleihen, die von Versicherungen gehalten werden, wurden im Rahmen von so genannter “With-Profits- Lebensversicherungspolicen” erworben, bei denen Kunden und Verkäufer die Gewinne und Verluste aus ihren Investments teilen. Das werde zwar den gesamteuropäischen Versicherungen helfen, Abschreibungen bei griechischen, portugiesischen und irischen Anleihen zu verkauften, sagen Analysten. Allerdings hätte ein Zahlungsausfall oder Verluste bei italienischen oder spanischen Anleihen grössere Auswirkungen auf die Bilanzen der Versicherer.
Fast drei Viertel der in Europa vertriebenen Lebensversicherungsprodukte haben ein Sparelement, das einen Mindestertrag oder Kapitalgarantien bietet, wie der europäische Versicherungsverband CEA in Brüssel berichtet. Der grösste Teil des Anlagerisikos wird von den Versicherten übernommen.
Zwar variierten die Policen je nach Produktkategorie und Land, so Prache. Die Versicherer behielten sich in der Regel jedoch das Recht vor, jährliche Zahlungen zurückzuhalten und die Garantien nicht zu erfüllen, sollte ihre Solvenz gefährdet sein.
In Deutschland, Grossbritannien und der Schweiz betrage der Anteil der Kunden am Anlagerisiko 90 Prozent und in Italien 80 Prozent, berichtet Morgan Stanley. Der Rest werde von den Versicherungsgesellschaften getragen.
Als die Allianz SE den Wert ihrer griechischen Anleihen im zweiten Quartal dieses Jahres abschrieb, kam auf die Policeninhaber 73 Prozent der Wertminderung von 279 Mio. Euro zu. Den Betriebsgewinn des grössten europäischen Versicherers schmälerten die Abschreibungen hingegen nur um 76 Mill. Euro.
Das Szenario, das der Branche laut Moody’s Investors Service die meisten Bauchschmerzen bereiten würde, wäre eine Umstrukturierung der Verbindlichkeiten von Italien und Spanien. Versicherer in den dritt- und viertgrössten Volkswirtschaften im Euroraum wären am schlimmsten betroffen, schrieb die Ratingagentur in einer Studie. Ihre Bonitätsnoten würden der Einstufung ihrer Länder folgen, weil die Gesellschaften in der Regel in die Staatsanleihen ihres Heimatlandes investieren. “Teil- oder Vollabschreibungen auf portugiesische, griechische und irische Staatsanleihen sind für europäische Versicherer zu verkraften”, erläutert Antonello Aquino, Versicherungsanalyst bei Moody’s in London. “Aber bei Italien und Spanien ist die Lage ganz anders.”
(Bloomberg)






