Bill Gates, der reichste Mann der Welt, will die Armen mit einem sicheren Platz für ihr Geld ausstatten. Seine “Bill & Melinda Gates Stiftung” steckt 350 Mill. Dollar (247 Mill. Euro) in Projekte, die es Menschen in Entwicklungsländern ermöglichen sollen, Geld in der lokalen Post- oder Lotteriefiliale oder mittels Mobilfunkzugang aufzubewahren. Von sich reden machte die mit 29,7 Mrd. Dollar ausgestattete Stiftung bislang vor allem durch ihre Engagement im Gesundheitsbereich, für das sie zwei Drittel ihrer Ressourcen aufwendet.
“Wir haben uns angesehen, welche finanziellen Nöte und Bedürfnisse arme Familien haben”, sagt Bob Christen, Leiter des 20-köpfigen Teams der Abteilung Finanzdienste der Gates- Stiftung, im Gespräch mit Bloomberg News. “Es gibt einen riesigen Bedarf für Dienstleistungen, die das Aufbewahren von Geld ermöglichen; die Leute wollen einen sicheren Platz für ihr Geld.” Die Gates-Stiftung engagiere sich deshalb für Einlagen- Dienste für Arme und nicht in Mikrokredite, in die weltweit bereits mehr als 2 Mrd. Dollar jährlich investiert würden.
Viele Arme seien arm, weil sie plötzliche finanzielle Belastungen mangels Ersparnissen nicht verkraften können. “Wenn man sich anschaut, was Leute in die Armut stürzt, dann sind das medizinische Notfälle, der Verlust des Arbeitsplatzes, Missernten und unerwartete Katastrophen”, sagt Christen, 53, in einer Londoner Hotel-Lobby. “Wenn sie die Möglichkeit haben, ihr Geld irgendwo aufzubewahren, sind die Leute vor solchen Ereignissen besser geschützt.”
Fast 2,5 Milliarden Menschen auf der Welt leben von weniger als 2 Dollar am Tag. Sparen ist für sie nicht nur wegen des niedrigen Einkommens schwierig, sondern auch eine enorme logistische Hürde. Für viele Menschen in Afrika oder Südasien ist der Weg zur nächst gelegenen Bank oft mit hohen Kosten, etwa für eine teure Bus- oder Taxifahrt verbunden, oder mit stundenlangem Anstehen. “Sie müssen drei Dollar investieren, um zwei Dollar anzulegen”, sagt Christen.
Die Armen legen Bargeld zur Seite oder investieren Geld in Schmuck, zusätzliche Baumaterialien oder Nutztiere. Doch dies ist problematisch. “Es wird gestohlen, Tiere sterben. Es gibt immer Umstände, durch die diese Geldanlagen an Wert verlieren”, sagt Christen. Informelle Ersparnisse büssten im Mittel ein Fünftel ihres Wertes ein - jedes Jahr. “Das ist so, als gingen Sie an den Geldautomaten und bekämen nur 80 Dollar, wenn Sie hundert Dollar eingegeben haben.”
Durch Partner wie die Aga Khan Foundation U.S.A. und die auf Kleinkredite spezialisierte Hilfsorganisation Opportunity International Inc. finanziert die Gates-Stiftung das so genannte Agent-Banking. Banken werden zu Partnerschaften mit Einzelhändlern in Dörfern und Kleinstädten ermutigt, damit diese für ihre Kunden Konten eröffnen und Einzahlungen annehmen können.
Eine andere, unkonventionelle Methode des Einlagengeschäfts besteht in Guthaben-Einlagen für Handys. Handybesitzer laden ihre Guthaben-Karten mit einem Betrag auf und können diesen per Mobilfunk an andere Inhaber von Guthabenkarten weiterreichen. “Die Leute können etwas Geld aufladen und es per Telefon ihrer Mama schicken”, sagt Christen.
Langfristig sei das Ziel, erfolgreiche Sparkassen zu überzeugen, in benachbarte Länder oder Regionen zu expandieren. Angestrebt werde auch, Genossenschaftsbanken in Afrika zu verbinden, sodass ein Kontoinhaber abseits seines Wohnortes Transaktionen vornehmen kann. “Für uns ist das eine selbstverständliche Sache, aber dort nicht”, sagt Christen.
Der Entwicklungshilfe-Experte, dessen Lesebrille um den Hals baumelt, befasst sich seit Jahrzehnten mit dem Aufbau von Finanzinfrastruktur. Nachdem ihn das vom US-Aussenministerium finanzierte Peace Corps nach Chile schickte, arbeitete er in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren mit Genossenschaftsbanken und Agrarkooperativen in Lateinamerika zusammen. Bei der Weltbank half er als Berater, Standards für die Finanzentwicklung zu schaffen. Christen leitet noch immer das Boulder Institute of Microfinance, das einmal im Jahr Experten für Kleinkredite aus aller Welt versammelt.
Seine Arbeit für die Gates-Stiftung unterscheidet sich deutlich von all dem. “Ich habe zuvor noch nie für eine Organisation gearbeitet, die Geld spendet - das war nie mein Job”, sagt Christen, der heute mit seiner aus Chile stammenden Frau in Seattle lebt und in seiner Freizeit segelt. “Jetzt bin ich an einem Platz, wo ich tätig werden kann, das ist das Schöne.”
Welche Rolle spielen Bill, der den Softwareriesen Microsoft mitbegründete und die Forbes-Milliardärsliste anführt, und dessen Frau Melinda bei seiner Arbeit? “Ich sehe sie nicht jeden Tag, aber sie sind ein ziemlich engagiertes Paar”, sagt Christen. Auf die Frage, ob sie sich in seine Arbeit einmischen, lacht er. “Ich habe eine recht grosse Autonomie. Ich mache genau das, was ich tun soll, somit bin ich ziemlich glücklich.” (Bloomberg)






