Am kommenden Mittwoch vor 80 Jahren musste die Creditanstalt (Credit-Anstalt), die bei weitem grösste Bank der Republik, ihre Zahlungsunfähigkeit erklären. Obwohl die österreichische Regierung für die Bank mit Garantien und Kapitalspritzen einsprang, lieferte die Creditanstalt auch international den Zündfunken für die 2. Etappe der "grossen Depression": Bankenkrach, Finanzkrise und Diktatur.
Die Österreicher bezahlten für die Rettungsaktion mit strikten Sparbudgets und dem Verlust der finanziellen Souveränität. Die Arbeitslosigkeit schnellte trotz der Bankenrettung in die Höhe, der Schilling geriet ins Trudeln. Angeblich völlig überraschend eröffnete das Management der Bank im Mai der Regierung Otto Ender, dass ihr Haus 1930 einen Verlust von 130 Mio. Schilling gemacht hatte. Am 11. Mai war man zahlungsunfähig.
Ein Paukenschlag, der internationale Geldgeber und österreichische Sparer im Mark erschütterte. "Brach die Credit-Anstalt zusammen dann konnte man keiner Bank mehr trauen", beschreibt der österreichische Wirtschaftsforscher Felix Butschek die damals vorherrschende Stimmung."Daher gab es auch massive Abhebungen in deutschen Geldinstituten, welche schliesslich den Zusammenbruch der Dresdner Bank sowie der Darmstädter- und Nationalbank bewirkten, was die deutsche Regierung veranlasste, kurzfristig die Banken zu schliessen."
Bereits seit Mitte der 1920er Jahre hatte sich durch die österreichische Bankenlandschaft ein Schwel-Brand gefressen. Immer wieder mussten Kreditinstitute zusperren, andere wurden - um eine Pleite zu verhindern - mit (scheinbar) gesunden Instituten "zwangsverheiratet". Auch der Creditanstalt wurde ein Rucksack umgehängt. Auf Geheiss der Regierung Johann Schober musste sie 1929 die Boden-Credit-Anstalt schlucken. Der Spruch, dass Bankchef Louis Rothschild mittels "einem Maschinengewehr und nicht nur einer Pistole" dazu gezwungen worden sei, machte in Wien die Runde. Die Creditanstalt war nach dem Ersten Weltkrieg eine riesige Bank in einem zur Miniatur geschrumpften Staatswesen - laut dem Wirtschaftshistoriker Roman Sandgruber machte ihre Bilanzsumme zwei Drittel der Bilanzsumme aller österreichischen Kreditinstitute aus. Nach zeitgenössischen Einschätzungen soll sie mehr als die Hälfte der Industriebetriebe des Landes kontrolliert haben. Die damalige Regierungs-Diagnose in heutiger Diktion: "Too big to fail". Der Ballhausplatz sagte Geld (das er nicht hatte) zu und garantierte zuguterletzt alle Einlagen, um einen Run zu stoppen. Die Regierung, Rothschild und Nationalbank schnürten ein erstes Rettungspaket, mit dem es gelang, den offenen Bankrott abzuwenden, später wurden mit ausländischen Gläubigern Stillhalteabkommen verhandelt. Heutige Historiker beziffern die Kosten, die der Ersten Republik aus den Bankenhilfspaketen erwachsen sind, auf 1 Mrd. Schilling - eine damals enorme Summe. Zum Vergleich: Ein Facharbeiter verdiente 1932 durchschnittlich 240 Schilling brutto monatlich. 1 Mrd. Schilling machte rund die Hälfte des damaligen (relativ kleineren) Staatsbudgets aus.
Gemessen an einem solchen budgetären Aufwand lassen sich die Kosten der Creditanstalt-Rettung mit der aktuellen Finanz-Katastrophe in Irland vergleichen. Die Bankenkrise hat die Republik Irland bis dato rund 46 Mrd. Euro gekostet. Anders als Lehman Brothers vor zweieinhalb Jahren ist die Creditanstalt 1931 also ihren Zahlungsverpflichtungen (im Wesentlichen) nachgekommen - der Preis dafür war freilich hoch: Wien musste sein Eingreifen mit einer 300 Millionen-Anleihe finanzieren und sich als Folge von einem Völkerbund-Kommissar beim Budget auf die Finger schauen lassen. Auch ein Zollunions-Projekt mit (dem damals noch demokratischen) Deutschland musste aufgegeben werden. Die öffentlichen Ausgaben gingen wegen der Sparpolitik dramatisch zurück und als die Konjunktur auch international erneut einbrach, schnellte die Arbeitslosigkeit in der Alpenrepublik auf 25 Prozent (1933). Trotz des Eingreifens der Regierung war es schon früher dazu gekommen, "dass das Publikum nicht nur der Solvenz der Bank misstraute, sondern ebenso der Stabilität des Schilling" (Butschek). Eine Kapitalflucht setzt ein, die Bankenkrise wurde zur Währungskrise. Der politische Weg Österreichs führte 1933/34 in den autoritären "Ständestaat" und vier Jahre später in die Hitler-Diktatur. Auch heute gibt es Befürchtungen, dass Probleme in peripheren Ländern wie Griechenland, Irland oder Portugal eine nicht mehr steuerbare Kettenreaktion auslösen könnten - Beobachter trösten sich mit dem Gedanken, dass Europa heute untereinander einig und finanziell stabiler sei als in der Zwischenkriegszeit. "Es gibt Ähnlichkeiten zwischen den Bankenkrisen damals und heute - aber auch Unterschiede", sagt Ex-CA-General Hannes Androsch. "Zu den Unterschieden gehört, dass man heute nicht in nationalstaatliche Lösungen flüchtet und dass die Notenbanken international zusammenarbeiten." Es sei illusorisch, "wenn ein Glied in einer Kette glaubt, es kann ein Problem, das es hat, ganz alleine lösen."
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