Trotz der Japankrise macht die Europäische Zentralbank (EZB) für die erste Zinserhöhung seit fast drei Jahren mobil. Die Hüter des Euro überbieten sich mit Warnungen vor einer Lohn-Preis-Spirale, falls die Geldpolitik untätig bleibt. Die Botschaft: Wir steuern auf die Zinswende zu und weder Beben in Fernost noch Aufstände in Nahost werden unsere Kompassnadel durcheinanderbringen. Die früher für ihre eher kryptische Kommunikation gescholtenen Geldpolitiker reden Klartext wie noch nie. Statt die Märkte mit Codewörtern wie "erhöhter Wachsamkeit" und "Aufwärtsrisiken" zu füttern, gibt es deutliche Ansagen.
Nach dem ersten Warnschuss von EZB-Chef Jean-Claude Trichet, wonach eine Zinserhöhung im April möglich sei, legen die Kanoniere nach - allen voran Chefvolkswirt Jürgen Stark. Der redet einer "Normalisierung der Geldpolitik" das Wort. Das zeigt nach Ansicht von EZB-Kenner Michael Schubert, dass die Währungshüter generell unzufrieden mit dem Zinsniveau sind. "Die EZB will unbedingt den Eindruck vermeiden, dass Hunde, die bellen, nicht beissen", sagt der Commerzbank-Ökonom über die offensive Kommunikationsstrategie der Zentralbank.
So wählte Stark ausgerechnet ein Interview mit der Zeitung "Nikkei" aus dem katastrophengeplagten Japan, um Entschlossenheit zu demonstrieren. Am "Inflationsausblick" für die Euro-Zone habe sich durch die dramatischen Ereignisse in Japan nichts geändert, konstatierte der Chef-Ökonom. Angesichts der noch immer "sehr konjunkturstimulierenden" Geldpolitik in weiten Teilen der Welt sei die von der EZB angepeilte Zinswende lediglich ein Schritt in Richtung "Normalisierung".
Der eher harmlose Begriff birgt jedoch Sprengstoff für hoch verschuldeten Euro-Staaten wie Griechenland, Irland und Portugal, für deren angeschlagene Wirtschaft höhere Zinsen pures Gift sind. Doch die EZB geht offenbar davon aus, dass mit der politischen Einigung auf einen permanenten Euro-Krisenmechanismus der Zeitpunkt gekommen ist, ihre Politik nicht mehr mit Blick auf den Rand der Eurozone auszurichten. In den Mittelpunkt rückt das Schwergewicht Deutschland. Die auf Geldwertstabilität fixierte EZB treibt das Schreckensszenario um, dass der von teurem Öl angeheizte Preisauftrieb zu überzogenen Lohnabschlüssen führen könnte. Die Folge wäre eine Lohn-Preis-Spirale ausgerechnet in dem Land, das als Konjunkturlokomotive der Euro-Zone gilt.
Das führende US-Notenbankmitglied Richard Fisher sagt, was die Währungshüter in Frankfurt umtreibt: "Die Inflation und die Lohnabschlüsse in Deutschland werden wahrscheinlich über drei Prozent steigen, das macht die Notenbankpolitiker nervös", sagte Fisher in Berlin. Die EZB befürchtet zudem, dass billiges Geld an den Märkten zunehmend Anreize für hochriskante Wetten bietet. Auch diese Warnung verpackt die EZB nicht mehr wie früher in kryptische Andeutungen, sondern benennt klar die drohende Gefahr: "Die Zinsen sind jetzt niedriger als die Inflationsrate. Wenn man sie so niedrig hält, riskiert man Verzerrungen am Markt und ermutigt die Finanzinstitute zu exzessiver Risikobereitschaft", mahnte EZB-Direktoriumsmitglied Lorenzo Bini Smaghi.
Da die rekordniedrigen Zinsen mit 1,0 Prozent weit unter dem derzeitigen Niveau der Inflation in der Euro-Zone von 2,4 Prozent liegen, ergibt sich rein rechnerisch ein grosser Erhöhungsspielraum. Obwohl Trichet nach der jüngsten Zinssitzung keine Serie signalisierte, sind viele Experten überzeugt, dass es die Zentralbank nicht bei einem Zinsschritt belassen wird. Der Wirtschaftsweise Lars Feld erwartet, dass der Leitzins noch dieses Jahr auf bis zu 1,75 Prozent steigen wird.
Als abschreckendes Beispiel könnte Trichet & Co. die Bank of England dienen: Diese hielt während der Konjunkturerholung an der Zinsfront still und nahm dabei billigend in Kauf, dass die Inflationsrate mit derzeit 4,4 Prozent ihrer Stabilitätsmarke von 2,0 Prozent weit enteilt ist. Stets versuchte Gouverneur Mervyn King die Märkte mit der Formulierung zu beruhigen, der Inflationsschub sei temporär. Nun kommt die Notenbank womöglich in Zugzwang: Die EZB will eine solche Zwangslage mit ihrer Offensivstrategie unbedingt vermeiden.
(APA/Reuters)






