Börse Express: Nachhaltiges Investieren ist seit Ausbruch der Krise wieder stärker ins Bewusstsein der Anleger gerückt. Das Problem dabei: Jeder versteht etwas anderes darunter und es gibt keine einheitliche Herangehensweise für dieses Thema. Wie funktioniert nachhaltig Investieren bei F&C Investments?
George S. Dallas: Wir haben bei F&C Investments zwei verschiedene Möglichkeiten. Zum einen gibt es die Ausschlussmöglichkeit, die sie auch von anderswo kennen. Es wird ein Kriterienkatalog erstellt und nach dieser Auswahl investiert. Was wir aber hauptsächlich verfolgen ist der reo-Ansatz. Das heißt Responsible Engagement Overlay. Mit Hilfe von reo nutzen wir den Einfluss, über den wir als großer institutioneller Investor aufgrund der Aktienbeteiligungen unserer Kunden verfügen, um Unternehmen zu motivieren, durch besseres Management von ökologischen, sozialen und Governance-Risiken den Unternehmenserfolg und letztlich den Shareholder Value langfristig zu steigern. Das hat den Vorteil, dass unsere Kunden ihr Portfolio nicht anders zusammensetzen oder eine andere Investmentphilosophie einschlagen müssen und dass sie dennoch nachhaltig investieren können. Und es gibt auch keinen Zweifel, dass man wegen einer nachhaltigen Ausrichtung der eigenen Investments auf Renditebestandteile verzichten muss. Wir nennen das Engagement. So vertreten wir bereits rund 77 Mrd. Euro direkt (aus eigenem Besatnd) und indirekt, indem wir Stimmrechte unserer Kunden wahrnehmen. Das sind fast 6.000 börsenotierte Firmen. Da kann man schon manchmal etwas bewegen.
BE: Wo liegt der Schwerpunkt dieser Firmen, sowohl regional als auch branchenseitig?
Dallas: Da wir hier eben nicht den Ausschluss-Ansatz verfolgen, sondern nachhaltig für bestehende Portfolios wirken wollen, stammen die Unternehmen aus allen verschiedenen Branchen. Regional kommen sie hauptsächlich aus Europa und Nordamerika, aber in letzter Zeit zunehmend auch aus den Emerging Markets und den Schwellenländern.
BE: Wie läuft das aktuelle Jahr kundenseitig? Hat die Wirtschafts- und Finanzkrise zu einem Rückzug der Investoren aus nachhaltigen Investments geführt oder zu mehr Zurückhaltung bei Neuengagements? Worauf konzentrieren sie sich aktuell bei ihren Absatzbestrebungen?
Dallas: Nein, gar nicht. 2008 war zum Beispiel das bisher beste Jahr für unseren reo-Ansatz. Und 2009 läuft auch gut. Wir wollen uns heuer stärker auf das Segment Corporate Bonds kümmern. Das klingt zunächst wie ein Widerspruch, weil es sein kann, dass man zugleich die Eigenkapitalseite vertritt (Aktien) und die Fremdkapitalseite (Bonds). Aber langfristig sind wir fest davon überzeugt, dass Sustainability dem Unternehmen etwas bringt, und da ist es egal, auf welcher Seite man sich dafür als Investor einsetzt.
BE: Wie sieht dieses Engagement für mehr Nachhaltigkeit aus? Agieren Sie auf den Hauptversammlungen. Kooperieren Sie mit anderen nachhaltig investierenden Investmentfirmen?
Dallas: Wir bevorzugen es, mit den Firmen hinter geschlossenen Türen zu reden. Es ist eine Sache des Vertrauens zwischen einer Firma und ihren Investoren, die ja immer in irgendeiner Weise Kapital zur Verfügung stellen, sei es als Eigenkapital oder als Fremdkapital. Und wenn man eine Diskussion öffentlich führt, wird das keinen langfristigen Dialog ermöglichen. Das heißt aber nicht, dass wir das gar nicht tun. Bei VW/Porsche haben wir zum Beispiel sehr wohl einen Offenen Brief an die BAFin geschickt. Da gibt es gewisse Lücken im deutschen Aktienrecht. Wir nehmen unsere Verantwortung schon wahr. Teilweise kann auch ein gemeinsames Vorgehen mit anderen nachhaltigen Investoren vorkommen. Das ergibt sich aber dann meistens aus der Sache heraus. Insgesamt muss man sagen: Wir sind keine Kreuzritter, sondern Anleger. Uns geht es rein um den Shareholder Value.
BE: Wie sieht es mit Nachhaltigkeit in Österreich aus, wurden Sie da auch bereits aktiv. Welche Länder sind in diesen Fragen weit entwickelt? Haben die Firmen aus der Krise etwas für mehr Nachhaltigkeit gelernt?
Dallas: Österreich ist relativ weit entwickelt, was das Thema Nachhaltigkeit anbelangt. Die nordischen Regionen Europas sind sehr weit entwickelt. Aber es entwickelt sich überall schrittweise mehr Bewusstsein in Richtung Corporate Governance und Sustainability. Wir fördern das. Man kann schon sagen, dass die Unternehmen etwas aus der Krise gelernt haben. Aber es bleibt noch genug Arbeit für uns übrig. Die Bonussysteme zum Beispiel gibt es immer noch. Es ist ja nicht schlimm, dass ein Banker etwas verdient, aber er muss es verdienen. Die Remunerationssysteme müssen viel stärker langfristig ausgerichtet werden. Zur Krise selbst muss man festhalten, dass sich die Aufsichtsräte, aber auch viele Vorstände nicht bewusst waren, welches Risiko hinter den einzelnen Geschäftsentwicklungen gesteckt hat. Darum sind wir der Meinung, dass Risiko und Bezahlung stärker verknüpft werden sollten, aber nicht in dem Sinne, dass derjenige mehr bezahlt bekommt, der mehr Risiko eingeht.
BE: Wie stehen nachhaltige Investoren zum Thema Dividenden? Als Investor möchte man hohe Ausschüttungen, aber nachhaltig wäre es eher, so viel von den Gewinnen wie möglich im Unternehmen zu halten oder für dieses zu investieren.
Dallas: Eine spannende Frage. Noch dazu, wo wir ja oft die Eigenkapitalseite und die Fremdkapitalseite vertreten. Wir sind also teilweise Aktionäre und Gläubiger. Ich glaube, wichtig ist ausschließlich, dass auch hier eine nachhaltige Politik gefahren wird. Die Dividendenzahlungen dürfen keinesfalls die Bilanz aus dem Lot kippen, sonst ist dagegen nichts zu sagen. Es geht auch hier um die Frage: Wie kann ein Unternehmen langfristiges Wachstum erzielen.
BE: Fonds haben meist eine Obergrenze bei Holdings an Unternehmen. Gibt es das auch bei Ihrem Modell?
Dallas: Aufgrund unseres Ansatzes: nein. Es wäre sogar gut, mehr Stimmrechte zu vertreten, weil wir dann unsere Interessen besser vorantreiben können. Bei manchen Unternehmen kann es vorkommen, dass wir schon 10, 12 ja bis zu 15% der Stimmrechte vertreten. Wir wollen aber insgesamt ein Unternehmen nicht kontrollieren, egal wie viele Stimmrechte wir vertreten, sondern seine Art zu agieren beeinflussen. Dabei kommunizieren wir unsere Richtlinien und Kriterien ganz klar. Keinesfalls wollen wir die Geschäftspolitik selbst ändern, wir nehmen also keinen Einfluss auf die operative Seite, sondern quasi auf die Ausführung.
Interview: Peter R. Nestler
Aus dem Börse Express vom 29.7.2009
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