Mandy Chan hat Ende Januar das Management des HSBC GIF Chinese Equity übernommen. Sie gibt einen ersten Einblick in ihre Portfolio-Strategie und skizziert ihren zukünftigen Investmentstil. Weiterhin beschäftigt sie sich mit den chinesischen Marktaussichten. Chan rechnet damit, dass Chinas Regierung die Zinsen weiter anheben und das Wirtschaftswachstum positiv überraschen wird.
Haben Sie das Portfolio verändert, nachdem Sie Ende Januar das Management des Fonds übernommen haben?
Mandy Chan: Ich habe bisher keine einschneidenden Änderungen vorgenommen; plane aber bei Finanztiteln kurzfristig unterzugewichten. Der Fonds bleibt bei Finanzwerten untergewichtet - auch wenn sie fast 40 Prozent der Benchmark, dem MSCI China 10/40 Index, ausmachen. Die Bankenaufsicht China Banking Regulatory Commission (CBRC) wird voraussichtlich den Banken verschärfte Regeln für Kredite an Kommunalregierungen auferlegen, da das Kreditwachstum 2010 extrem hoch war. Wir denken, dass die Banken nach der Bekanntgabe ihrer Zahlen für das erste Quartal ihre Gewinnprognosen aufgrund steigender Kreditkosten und einem höheren Kapitalbedarf senken könnten. Danach wären die Unsicherheiten beseitigt, und der Bankensektor kann neu bewertet werden. Im zweiten Halbjahr betrachten wir Banken wohl optimistischer, bleiben jetzt aber noch untergewichtet. Für die Konsumbranche bleiben wir bullisch, reduzieren aber weiterhin unseren Anteil an Unternehmen aus dem Lebensmittelsektor, bevor die Firmen ihre Ergebnisse verkünden. Der Grund dafür sind die vor allem im vierten Quartal gestiegenen Kosten für Rohstoffe und Verpackung, die den Druck auf die Margen der Konsumgüterhersteller erhöhen. Zwischenzeitlich investieren wir stärker in Sektoren, die sich in einer Schwächephase befinden. Wir haben drei solcher Sektoren identifiziert, die sich bis ins Jahr 2012 in einem strukturellen Aufwärtstrend befinden sollten. Das ist erstens die Petrochemie: Das begrenzte Angebotswachstum in Asien und die stabile Nachfrage aus China sorgen für höhere Margen im Chemiebereich. Zweitens setzen wir auf den Zementsektor: Die chinesische Regierung hatte den Zementunternehmen im November 2009 verboten, ihre Kapazitäten auszuweiten. Als Konsequenz kann die Leistung dort nicht gesteigert werden. Daher erwarten wir weiter anziehende Zementpreise - vorausgesetzt, dass die Anlageinvestitionen in den nächsten beiden Jahren zweistellig zulegen werden. Der dritte Sektor ist die Containerschifffahrt: Den meisten Befrachtern fehlen Kapazitäten, da der Ausbau während der Finanzkrise 2008 verschoben wurde. Charter- und Frachtraten sollten mit der Erholung in den USA steigen. Wir glauben, dass das Wirtschaftswachstum der USA den Markt positiv überraschen wird. Daher möchten wir in diesen Sektor investieren, den Investoren in den vergangenen Jahren weitgehend vernachlässigt haben.
Wie beschreiben Sie Ihren Investmentstil? Beabsichtigen Sie, die Portfoliostrategie oder die Investmentphilosophie des Fonds zu verändern?
Mandy Chan: Der Fonds wird auch weiterhin eine Bottom-up-Aktienauswahl und eine aktive Sektorallokation als Alpha-Quellen nutzen. Wir werden zum einen Titel, von denen wir fest überzeugt sind, noch stärker gewichten. Dabei hilft ein strikter interner Research-Prozess sowie eine enge Zusammenarbeit mit unseren Teams in Shanghai und in der Region. Zum anderen wird das Risiko des Fonds systematisch analysiert und durch monatliche Reports strikt überwacht. Konkret bedeutet die, das Team zu vergrössern und interne Finanzmodelle zu erstellen. Wir können unsere Überzeugung hinsichtlich einzelner Aktien stärken, indem wir unser Team erweitern. Zum Beispiel haben wir vor Kurzem eine Senior-Analystin eingestellt, die den Pharma-, Einzelhandel- und Agrarrohstoffsektor abdeckt. Sie hat einen Doktortitel in Biochemie und als Pharma-Analystin auf Verkäuferseite sowie Hedge-Fonds-Managerin gearbeitet. Unsere Sektoranalysten erstellen für jede Kernposition im Fonds Modelle, die interne Einschätzungen zur Finanzentwicklung und diverse Szenario-Analysen enthalten. Wenn wir tiefergehende Fundamentalanalysen durchführen, können wir mit Sicherheit unsere Überzeugungen stärken. Üblicherweise investieren wir nur in ein Unternehmen, nachdem wir das Management getroffen und die Wertschöpfungskette ausführlich geprüft haben. Zudem müssen unsere Gewinnschätzungen 20 bis 30 Prozent über dem Marktniveau liegen, da wir glauben, dass der Markt seine Prognose im Laufe der Zeit erhöhen wird. Das steigert die Performance des Fonds. Um uns einen Informationsvorsprung zu sichern und die wichtigsten Indikatoren für jeden Sektor zu identifizieren, werden wir eine eigene Branchendatenbank erstellen. Dafür sammeln wir zum Beispiel monatlich die Warenbestände verschiedener Autohändler in China. So können wir feststellen, welche Regionen und Modelle besser laufen als erwartet - noch bevor die Autohersteller ihre Halbjahreszahlen bekanntgeben. Im Rohstoffbereich werden wir zudem tabellarische Übersichten erstellen, die einen Überblick über Angebot, Nachfrage und Lagerbestände der einzelnen Rohstoffe geben. Die Politik der Regierung hat einen starken Einfluss auf die Entwicklung einzelner Branchen. Als wir den chinesischen Aktienmarkt seit seiner Neubewertung 2005 analysiert haben, konnten wir feststellen, dass die Performance der Sektoren im Laufe der Zeit extrem auseinanderklaffte. Regelmässige Treffen mit Regierungsvertretern, Wirtschaftsberatern, unabhängigen Branchenexperten und in China ansässigen Aktienstrategen helfen uns, die Regierung besser zu verstehen. So können wir die Aussichten der einzelnen Branchen besser bewerten.
Wie schätzen Sie die Marktaussichten für 2011 ein?
Mandy Chan: Wir glauben, dass die Regierung immer noch sehr um die Inflation und die steigenden Immobilienpreise in China besorgt ist. Um die Inflation in den Griff zu bekommen, wird sie die Zinsen langsam weiter anheben und könnte auch den Mindestreservesatz für Banken erhöhen. Denn steigende Zinsen ziehen weiteres Geld ins Land, da sie eine Aufwertung des Renminbi erwarten lassen. Das bedeutet: Die Mindestreserve wird erhöht, um Liquidität aus dem System zu ziehen. Das Wirtschaftswachstum wird weiterhin positiv überraschen. Dafür sorgen ein solider inländischer Konsum und eine starke Zunahme der Anlageinvestitionen. Wir rechnen damit, dass sich die Börsen ab April besser entwickeln. Dann hat der Markt die weiteren Massnahmen verdaut, die der Nationale Volkskongress beschliessen wird. Wir glauben zudem, dass in einigen Sektoren Unternehmen mit höheren Gewinnen als erwartetet überraschen werden.
Im vierten Quartal wuchs Chinas Wirtschaft mit 9,8 Prozent stärker als erwartet, dennoch ist die Inflation zurückgegangen. Inwiefern ist Letztere immer noch ein Thema in China?
Mandy Chan: Inflation wird in nächster Zeit noch ein Thema bleiben, da die Lebensmittelpreise aufgrund schlechter Wetterbedingungen weiter steigen. Lebensmittel bestimmen zu einem Drittel den chinesischen Verbraucherpreisindex. Daher kontrolliert die Regierung die Kreditvergabe, da die Geldmenge M2 (Bargeld sowie Sicht-, Spar- und Termineinlagen) 2010 stark gestiegen ist. Sie wuchs in China um 20 Prozent. Für dieses Jahr peilt die Regierung einen Zuwachs von 16 Prozent an. Denn: Ein starker Anstieg der Geldmenge führt zu einer steigenden Inflation. Die Regierung wird das Kreditwachstum dieses Jahr sehr genau beobachten. Zum Beispiel hat sie bereits die Kreditvergabe an Bauträger eingeschränkt, um deren Cashflow zu begrenzen. Wir erwarten, dass sich die Bauunternehmen höher verschulden und ihre Objekte schneller verkaufen werden, um ihren Cashflow zu verbessern. Einige der hochverschuldeten Branchen werden negativ betroffen sein, aber grundsätzlich wird das für dieses Jahr erwartete Kreditwachstum von sieben bis 7,5 Billionen Renminbi die chinesische Wirtschaft um neun bis 9,5 Prozent wachsen lassen.
Ist die Marktbewertung attraktiv und jetzt ein guter Einstiegszeitpunkt für Anleger - auch angesichts der Straffung der Geldpolitik?
Mandy Chan: Wir glauben, dass der Markt wieder attraktiv wird, vor allem der Bankensektor. Die Aktien werden im Schnitt unter dem Zweifachen ihres Buchwerts gehandelt - mit einer nachhaltigen Eigenkapitalrentabilität um die 16 bis 17 Prozent. Im A-Aktien-Segment werden Bankaktien sogar mit einem Abschlag von 20 bis 30 Prozent gegenüber dem H-Aktien- Segment gehandelt. Wie bereits erwähnt, erwarten wir nach der Tagung des Nationalen Volkskongresses im März eine weitere Straffung vor allem durch geldpolitische Mittel wie das Anheben der Zinsen oder des Mindestreservesatzes. Ausserdem ist eine Ausweitung der Immobiliensteuer möglich. Die Regierung hat die Steuer zunächst in Shanghai und Chongqing getestet und wird sie in einer zweiten Runde auf weitere Metropolen ausdehnen. Wenn alle Massnahmen bekannt sind, eröffnen sich bessere Einstiegschancen in den Markt. Wir glauben, dass es in einigen Sektoren positive Überraschungen geben wird, wenn die Unternehmen ihre Zahlen für 2010 veröffentlichen. Insbesondere sollte die Petrochemie und der Zementsektor profitieren. Wir werden uns daher weiterhin in jenen Sektoren positionieren, die Überraschungen bei den Gewinnen versprechen und von den Massnahmen der Regierung profitieren. Denn: Die Aktienperformance wird in China vor allem von Gewinnrevisionen und der Politik angetrieben.






